Durchs Kiental zum Heiligen Berg

Tag der Deutschen Einheit und schönes Wetter, so was schreit doch direkt nach einem Ausflug aufs „Land“. Zumal das Land ja in die Stadt zum Oktoberfest drängt – so zumindest meine Fantasie. Frühmorgens sah der Himmel noch diesig aus, doch kaum saß ich in der S8 nach Herrsching, schien die Sonne. Auf der fast einstündigen Fahrt wurde mir klar, dass in etwa so viele Menschen zur Wiesn hin- wie von ihr wegstrebten. Egal, das würde sich verlaufen – dachte ich. „Sooo viele Leute“, staunte ein Mann an der Endstation am Ammersee. Aber die meisten Fahrgäste zog es ans Wasser, nur wenige auf den Wanderweg durchs Kiental zum „Heiligen Berg“, wie die Anhöhe mit dem Kloster in Andechs auch genannt wird. Noch in Herrsching versuchte ein Wirt mit einem Gedicht die Wanderer zur ersten und wenn’s nach ihm ginge wohl auch endgültigen Rast anzuregen (auf dem Rückweg las ich, dass die Brücke zum Wirtshaus von ihm „Brücke der kulinarischen Glückseligkeit“ getauft worden war, so ein Spaßvogel!). Um 11 Uhr wollte ich allerdings erst mal laufen und folgte den gut sichtbar angebrachten Schildern und meinen S-Bahnmitfahrern. Zunächst führt der Weg durch eine Wohnsiedlung und dann auf einen Waldweg, den der Kienbach begleitet. Die Strecke ist einfach zu gehen und selbst mit Kinderwagen zu bewältigen, wie ich unterwegs sah. Irgendwann jedoch muss man sich zwischen dem breiten, bequemen Aufstieg und dem schnellen stufigen entscheiden: Ich nahm die Treppe, wobei ich mal wieder daran erinnert wurde, dass Ausdauer durch ständiges Üben entsteht, ähem. Aber um mich herum schwitzten und keuchten alle, sogar die mit den Wanderstöcken, ein kleiner Trost.

Kaum ist man oben angekommen, empfängt einen das Kloster mit einer weiß getünchten Mauer. Ein paar Biegungen weiter ragt ein erster Turm empor, kann an einer Marienklause Halt gemacht und mit der Mutter Gottes Zwiesprache gehalten werden. Von dort aus sind es nur noch wenige, steile Treppenstufen und man steht direkt vor der Klosterkirche Andechs. Die Innenausstattung, hauptsächlich von Johann Baptist Zimmermann, ist prachtvoll-überwältigend. Fresken, viel Stuck und ein überbordend goldener Hochaltar – Rokoko vom Feinsten. In der Schmerzhaften Kapelle, eine Seitenkapelle der Kirche, wurde die Asche des Komponisten Carl Orff beigesetzt. In der Kirche ist es zwar voll, aber ruhig, was sich vor dem Gotteshaus schlagartig ändert: Es fahren zwei Eisenbahnen für Kinder, nebenan sichert die Feuerwehr die Kleinen mit Gurten, wobei diese sich über selbst gestapelte Getränkekisten in luftige Höhen hangeln – „Wetten dass“ lässt grüßen. Im Biergarten mit seiner schönen Terrasse, im Café und Klosterstüberl ist es so derartig voll, dass mir die Lust auf eine Rast vergeht. 1982 war ich zum ersten Mal auf dem Berg, das erste Mal überhaupt in Bayern (die Holledau, durch die wir auf der Hinfahrt tuckerten, hielt ich da noch für ein riesiges Stangenbohnenanbaugebiet). Wir tranken damals ein Bier in Andechs, genossen die Stille, die Aussicht und fanden ein Kloster, in dem gebraut wird, urig. Die Aussicht ist immer noch schön.
Jetzt wies mir neben einem anscheinend leer stehenden Haus mit wunderschön bemalten, verwitterten Fensterläden ein Schild den „schnellsten Weg nach Herrsching“. Der war nicht nur schnell, sondern auch informativ: Endlich weiß ich, das „Nagelfluh“ aus dem Schweizerischen kommt und „verfestigten Kies“ meint, wobei die eingeschlossenen Kieselsteine Ähnlichkeit mit Nägelköpfen haben. So richtig vertrauenswürdig ist das Gestein nicht: In den letzten Jahren wurde es neben dem Kienbach zum Teil abgetragen, damit es nicht zu Steinschlägen und Felsabgängen kommt. Aber wie meinte die Infotafel: Eine Garantie, dass es nicht doch passiert, gibt es in der Natur nicht. Zurück in Herrsching musste ich noch einen Blick auf den Ammersee werfen und entschied mich, auf der Rückfahrt noch in Weßling einzukehren. Und da fand ich sie dann: eine sonnendurchtränkte satte Ruhe.

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