Farbbad im Archiv Geiger

„Ich hätte da übrigens eine Anfrage“, meinte eine Freundin gestern am Telefon, nachdem wir schon eine Weile geplaudert hatten. „Heute ist ,Tag der Archive’ und ich wollte zu einer der Veranstaltungen gehen. Willst du mitkommen?“ Archive, gähn, machte es in mir.
„Und zwar ins Archiv Geiger.“ „Geiger, Rupprecht Geiger?“ fragte ich und war auf einmal elektrisiert. „Ja genau, der Maler“, meinte meine Freundin. „Das Archiv – in seinem ehemaligen Atelier untergebracht – ist heute geöffnet und es gibt sogar Führungen.“ Ich war sofort dabei, erinnerte ich mich doch nur zu gut an eine Ausstellung anlässlich des 100. Geburtstags dieses Vertreters der sogenannten Gegenstandslosen Malerei im Lenbachhaus Ende 2007/Anfang 2008. Damals verbrachte ich einen wirklich aufregenden Nachmittag mit einem Kunstfreund aus Memmingen inmitten der sehr farbenfrohen, streng geometrischen Werke. Unvergessen die „shaped canvases“, Bildformate, die den üblichen Rahmen sprengen, ebenso die Erfahrung, nach dem langen Betrachten grüner Leinwände auf der weißen Wand plötzlich rosarote Gegenbilder zu sehen. Ein Werk, Grün auf neonrosa Untergrund gesprüht, sog mich richtiggehend ein, als ich mich beim Betrachten sehr nah davorstellte – zum ersten Mal erfuhr ich ganz und gar körperlich: Farbe hat Wirkung!


Meine Freundin und ich machten uns gestern auf nach Solln und wurden im Archiv Geiger in einem Klinker-Bungalow überaus freundlich empfangen. Sofort strahlten uns die typischen Geiger-Farben entgegen: leuchtendes, ja eigentlich von innen heraus glühendes Rot in allen Abstufungen, aber auch Gelb und Blau. Wir erfreuten uns an den Fundstücksammlungen des Künstlers, Hölzer, Pflanzen, Steine, Papiere, dazwischen ein – neonrosa bis rot überzogener – Spazierstock, bordeauxfarbenes Schmiergelpapier, das in einem anderen Raum Hintergrund einer Collage ist. Angetrocknete, zum Teil bereits verblichene Farbpunkte und -spritzer übersäen den Holzfußboden und erzählen vom langjährigen kreativen Schaffen hier. In einem Teil des Hauses, ein Bereich ohne Zwischengeschoss und daher mit sehr hohen Wänden, konnten großformatige Arbeiten entstehen. Wie gestern verlassen steht dort ein Arbeitstisch mit Farben in allen Rottönen, ein wunderbares Bild für sich. Im Pigmentraum im Keller scheinen die Farbpartikel Wände, Schränke, Waschbecken und Arbeitskittel nach und nach in Besitz genommen zu haben. Wir kamen dort in einen wahren Betrachtungsrausch und fanden plötzlich in der Anordnung der Arbeitsgeräte typische Geiger-Geometrien wieder. Wir ließen uns auch von der Plastikflaschen-Mischorgel inspirieren, falls wir mal selbst wieder – und zwar sehr ökonomisch – Farbe anrühren und gleichzeitig Upcycling betreiben wollen. Als wir aus dem Geigerschen Farbbad wieder auftauchten, lief die Führung durchs Archiv schon eine Weile. Wir entschlossen uns daher, sie bei anderer Gelegenheit mitzumachen, zumal sie – tageszeitenabhängig – so schöne Namen wie „Morgen Rot“ bzw. „Abend Rot“ hat. Wir wanderten noch ein wenig durch die Felder und Wälder der Gegend, die mir in ihren abgetönten Märzfarben auf einmal fad erschienen. Meine Augen suchten im Außen nach den Farben, die mich nach dem Besuch des Archivs noch innerlich erfüllten.

2 Gedanken zu “Farbbad im Archiv Geiger

  1. Ach diese Ausstellung haben wir uns damals im Lenbachhaus auch angeschaut. Ich kannte den vorher nicht und war von der Farbigkeit sehr angetan! Da hast du einen tollen Ausflug gemacht – sowas finde ich auch immer bereichernd.

    • Ja, und dann nur wenige Tage später fahre ich meine übliche Stadtteilbibliothekstrecke zur Forstenrieder Allee mit der U-Bahn und finde mich an der Station Mangfallplatz plötzlich in einer Collage von Rupprecht Geiger wieder: Nach 15 Jahren fiel mir zum ersten Mal auf, dass der Künstler diese Station in ihren ungewöhnlichen Burgunderrot-, Neon-Pink- und -Orange-Tönen gestaltet haben könnte … Manchmal sieht frau nur, was sie weiß/kennt 🙂

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