Im Spontan- und Jodel-Salon

Der Literatursalon hatte seine Hochzeit zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert. Vor allem die Frühromantiker trafen sich, z.B. bei Schriftstellerinnen wie Caroline Schelling oder Rahel Varnhagen, die daraufhin als Salonnière oder, wenn sie Töchter von Professoren waren, als „Universitätsmamsellen“ bezeichnet wurden. Es gab Lesungen und Diskussionen bei diesen Treffen, und neue Talente stellten ihre Musik vor. Wie es scheint, erlebt der Salon als Redeforum gerade eine Renaissance. Ganz unverhofft fand ich mich bei einer Privatfeier im Advent in einer Art Spontan-Salon wieder: Ein Liedermacher stellte seine selbst komponierten Songs vor und sang sie zu Begleitmusik aus der Konserve – was ich ziemlich mutig fand (mir imponierte auch, dass er seine fein geschliffenen Texte ALLE auswendig vortragen konnte). Anschließend überraschte uns Adelheid Schmidt-Thomé noch mit einer kleinen Lesung aus ihrem schönen und hoch interessanten Buch „Vergessene Münchnerinnen“. Sie hatte sich bei ihren Spaziergängen über den Münchner Südfriedhof mit Blick auf die Grabinschriften schon vor Jahren die Frage gestellt, ob die dort begrabenen Frauen nicht doch mehr gewesen sein könnten als “Rentierstochter”,  “kgl. bayerische Hofpianofortefabrikantenswittwe” oder  “Charkutiersgattin“. Ihre Recherchen brachten – neben zwei Kalendern – bisher 30 spannende Lebensgeschichten von mutigen, klugen und hoch begabten Frauen ans Licht, die in ganz unterschiedlichen Berufen in München gewirkt haben – und vergessen bzw. totgeschwiegen wurden. Adelheid stellte uns an diesem Abend Babette Klinger-Schmid vor, Tochter von „Papa Schmid“, der das Münchner Marionettentheater gegründet hatte. Wikipedia nennt sie nur „seine Erbin, die sein Werk fortsetzte, aber mit geringerem Erfolg“. Dass sie viele der Theaterstücke geschrieben und für den Erhalt des Theaters gesorgt hat, fiel – bislang – unter den Tisch.

 

Zu einer Art Jodel-Salon – das ist meine Bezeichnung für diese wunderbaren Treffen – laden inzwischen recht regelmäßig Ilse und ihre Schwester Luisa. Sonntags, im gemütlichen Gasthaus in Taglaching, das extra für uns JodlerInnen öffnet, wird wie z.B. am letzten Wochenende in netter Runde gemeinsam gesungen. Es ist ganz erstaunlich mitzuerleben, welche Kraft Musik hat: Aus lauter Einzelpersonen wird durch das Schwingen in und mit den Melodien recht schnell eine Gemeinschaft, die Stimmung freudig. Musik verbindet jenseits von Worten und kann Unerwartetes geschehen lassen: Vor Weihnachten war ich in einem Konzert im Prinzregententheater. Zunächst wurde vor dem gediegenen, mehrheitlich älteren Publikum Klassik gegeben, was recht feierlich war. Dann trat ein Rock ‘n‘ Roller aus Wien auf und überschwemmte mit seiner überbordenden Energie, der ungezähmten Rhythmus-Lust den Saal. Er riss 70-Jährige von den Sitzen, 80-Jährige warfen ihre Krücken von sich und es begann ein, soweit möglich, Elvis-Presley-artiges Hüftkreisen, das ich den meisten Leuten nicht zugetraut hätte. Zwischendurch kam mir – während ich selbst hin- und herhüpfte – der Gedanke, ob wir nicht alle VIEL mehr Rock ‘n‘ Roll bräuchten, um positive Schöpferkräfte wieder zum Leben zu erwecken. Um uns aus der Starre gestockter Energie herauszubringen, ist eigentlich jede Musik recht – wenn sie den, der sie hört oder der sie macht, mitreißt, in Bewegung, ins Schwingen oder Mitwippen bringt, allein oder in der Gruppe. Was mich wiederum an den tollen Film „Rhythm ist it!“ erinnert, der auf beeindruckende Weise zeigt, wie Menschen im Tanz zum eigenen, oft lange unterdrückten Selbstausdruck finden. Ich sollte mal wieder tanzen gehen, es muss ja nicht gleich in einem Tanzsalon sein.

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