Maria, Franz und Elphi

Es begann um die Weihnachtszeit: Meine Freundin sang mit ihrem Chor das „Magnificat” von John Rutter. Später fragte ich mich, was eigentlich dieses Magnificat bedeutete. Bei Wikipedia fand ich eine Erklärung: Es ist eine Art Lobgesang auf Gott durch die schwangere Jungfrau Maria. Benannt ist der Text nach dem ersten Wort des Hymnus, der auf Latein mit „Magnificat anima mea Dominus …“ beginnt, „Meine Seele preist den Herrn …“. In mir triggerte das gleich mal mehrere Vorstellungen: Es könnte ein kluger Schachzug sein, als alleinstehende, schwangere Frau in jener Zeit Gott als Vater des ungeborenen Kindes auszugeben. Und Maria scheint einen aufrührerischen Geist besessen zu haben, benennt sie doch klar die Lebensumstände ihrer Zeit, in der die Reichen und Mächtigen das Sagen haben. Und doch hat Gott sie, eine Niedere, ausgewählt, um seinen Sohn auf die Erde zu bringen. Von da aus hüpften meine Gedanken zu der Vorstellung, ob es nicht Maria gewesen ist, die nach Jesus Tod das Christentum gegründet hat. Aus Trauer hat sie ihn erhöht, aus seinem Leben eine Lehre werden lassen, damit er nie in Vergessenheit gerät. Kurz darauf las ich von „Marias Testament“: An den Hamburger Kammerspielen wurde ein Monolog von Nicole Heesters aufgeführt, der auf dem Buch des irischen Autors Colm Tóibin basiert. Ich las dieses kleine Werk von rund 65 Seiten und fand es so revolutionär, dass ich beschloss mir das Theaterstück in Hamburg anzusehen. Diese Maria war klüger als ich mir je hätte träumen lassen oder vorstellen können.

 

Mitte Mai war es dann so weit, ich trat die Reise gen Norden an. In München regnete es in Strömen, ich hätte um ein Haar den Zug verpasst und wurde von einem mir bis dato unbekannten Taxi-Mitfahrer mit einem Taschenspielertrick um Geld betrogen – fragt nicht! Wetter und Stimmung hellten sich aber mit jedem weiteren Kilometer Richtung Hamburg auf. Glücklich in der Hansestadt gelandet, bezog ich meine schöne Unterkunft, vertilgte ein Franzbrötchen (Franz!) und erkundete bei schönstem Sonnenschein bis spät in den Abend einen Teil der Stadt: Begrüßt wurde ich von einem Regenbogengespinst über der Binnenalster, dem beeindruckenden Rathaus und der Speicherstadt. Architektur können die Hamburger, die Gebäude und ihre Strukturen fallen einfach auf, einige erinnern an Ozeanriesen, nicht nur in der Hafen-City. Rund um die Elbphilharmonie wehte ein vergleichbarer Wind wie um die Münchner Frauenkirche: Werden eigentlich Auswirkungen auf die Luftverhältnisse beim Bauen mit berücksichtigt? Elphi, wie inzwischen nicht nur die Hamburger ihren neuen Konzertsaal nennen, macht echt was her – beeindruckender ist sie nur noch vom Wasser aus. Das konnte ich am nächsten Tag feststellen. Ich war von Altona nach Övelgönne gewandert. Eigentlich wollte ich noch etwas weiter am Elbestrand entlanglaufen. Doch der Wind hatte gedreht: Hamburg kann auch Sandsturm. Statt mit dem Bus zurück zu den Landungsbrücken zu fahren, nahm ich die Fähre: das ging mit meinem Tagesticket! Im Kontorviertel sah ich mir das Chilehaus an. Ich glaube, die Elphi-Architekten haben sich dort Inspiration geholt und modern uminterpretiert. Auf dem Rückweg zur Wohnung kam ich noch am Hamburger Caféhaus „Die Rösterei“ vorbei. Es duftete verführerisch, also ging ich Kaffee trinken. Mir wurde gesagt, ich müsse erst bezahlen und könne dann am Kaffeeausschank aus dem Tagesangebot eine Auswahl treffen. Ich entschied mich für einen kräftigen Kaffee. Der war an jenem Tag aus Kenia. Ich bekam ihn schwarz, fragte nach Milch nach und hörte: „Die gebe ich Ihnen gerne extra, aber ich rate Ihnen, den Kaffee erst einmal pur zu probieren.“ Ich altes Gewohnheitstier hatte schon Zucker in meine Tasse gegeben, rührte also mal nicht um und trank den ersten Schluck: Es war eine Offenbarung! Nie im Leben hätte ich geglaubt, dass Kaffee pur so derartig viele Aromen in sich tragen und, obwohl heiß, geradezu erfrischend sein kann. Von einem solchem Kaffee reicht eine Tasse, nie würde ich auf die Idee kommen, ihn achtlos runterzuspülen wie sonst im Alltag. Etwas später rührte ich zu Testzwecken den Zucker auf und gab noch später Milch hinein – nee, wirklich, das braucht’s beides nicht. Abends fand dann die Aufführung statt, der eigentliche Grund meiner Reise: Die grandiose Nicole Heesters spielte die Maria, eine – wie der Regisseur des Stücks Elmar Goerden sich notiert hatte – „unerhörte Frau“. Sie ließ uns aus ihrer Sicht am Lebensende ihres Sohnes teilnehmen, schilderte in ihren Worten die unerträglichen Szenen der Kreuzigung. Das ist keine duldende Mutter. Das ist eine Mutter, die zusieht, wie ihr Sohn zu Tode gefoltert wird. Die das nicht aushält. Die irgendwann geht. Auch, um ihr eigenes Leben zu retten, die Römer hatten sie schon auf dem Kieker. Sie kann nichts mit den Vorstellungen von den Typen anfangen, mit denen ihr Sohn sich umgeben hat und denen er selbst gefolgt ist. Sie hört sich an wie eine moderne Mutter, die sieht, wie ihr Kind ins Verderben rennt. Sie rauft sich die Haare, als die Freunde – ihr Sohn leidet da noch Höllenqualen – davon reden, es sei alles so vorbestimmt gewesen. Das Opfer des Sohnes würde die Welt verändern, retten. Diese Mutter erkennt glasklar, was es bedeutet, wenn aus einem lebendigen Wesen eine Sache gemacht wird. Letzteres war es, was mich an dem Stück so umgehauen hat: Das Leben, die Lebendigkeit an sich, ist das Kostbare. Es sollte nicht an eine Sache, Ideologie, Vorstellung angepasst werden, etwas was wir aber auch heute noch ständig tun. Leben fließt, verändert sich, alles andere sollte mitfließen dürfen, uns nicht starr in Funktionen festhalten. Eine Zeile in „Marias Testament“ lautet, ich zitiere das jetzt aus dem Kopf, in etwa: „Einmal muss die Wahrheit gesagt werden. Und ich sage sie – weil ich es kann. Ich war dabei!“
Ich bin zurück in Bayern mit seinem Kreuzerlass – dies ist mein Kommentar dazu.

Die Hofflohmarktsaison …

… ist eröffnet! Den Auftakt machte Neuhausen, in den nächsten Wochen folgen viele andere Stadtviertel. Ich finde, es ist eine äußerst nette Art, München und seine vielen Bewohner kennenzulernen, übrigens nicht nur für MüncherInnen: Man kann ganz unverbindlich durch die Straßen und Hinterhöfe wandern, bekommt Einblicke in sonst verschlossene lauschige Plätze und nimmt die Stimmung der Leute in den einzelnen Kiezen wahr. Unterwegs gibt es hier und da Kuchen, Quiches, Bratwürste und jede Menge Getränke (nein, nicht nur Bier!). In Neuhausen habe ich mich sehr wohl gefühlt, ich kannte viele Ecken dort, weil ich früher in der Gegend gearbeitet habe. Zum Mittagessen sind wir oft rumgelaufen und haben verschiedene Kneipen und Restaurants ausprobiert. Unvergessen bleiben die spinatgefüllten Cannelloni in der Ysenburgstraße. Die konnten wir blind bestellen, die waren immer fein. Doch eines Tages NICHT: Der Koch hatte gewechselt … Und das Culinaria-Drama nahm seinen Lauf. Spaghetti mit Pesto wurden als Nudeln mit Sahnesauce serviert. Auf die Frage, wo denn das, wir sprachen mal das Offensichtlichste zuerst an, Basilikum sei, zeigte die Bedienung auf kleine graugrüne Stippen in der Sauce: Trockenbasilikum, hallo? (Ich stelle mir gerade vor, es hätte damals schon Instagram und Twitter gegeben und wir hätten Smartphones besessen …) Das Restaurant gibt’s anscheinend nicht mehr, seinen Nachfolger habe ich Samstag nicht ausgetestet, weil ich ja auf intensiver Schnäppchenjagd war. Vor lauter Jagdeifer habe ich  das Fotografieren komplett vergessen und kann nur – aber ziemlich stolz – meine Beute vorzeigen: Rock und Schal für insgesamt 7 Euro. Kann man nicht meckern, oder? Nächste Möglichkeit zum Spähen und Erhaschen bietet am kommenden Samstag dann das Viehhofviertel – viel Spaß!

 

Frühling, ja du bist’s!

Denkste, antwortete der. Ich bin schon groß und will direkt ein Sommer sein. Aha, auch eine Jahreszeit kann also in die Pubertät kommen und lässt’s dann mal anfallsweise so richtig krachen: Temperaturen bis zum Anschlag, stahlblauer Himmel, Asphalt zum Kochen bringen und für jeden die passende Schwitzattacke in der Hinterhand. Wie mit dem Halbstarken umgehen? Cool bleiben und möglichst früh am Morgen einen Ausflug auf die Theresienwiese machen: Genießen, dass es während des alljährlichen Riesenflohmarkts diesmal nicht regnet und man unterm Schirm schlottern muss. Hemdsärmelig von Schatten- zu Schattenoase hüpfen und sich verfluchen, dass man Sonnencreme und -brille vergessen hat. Sich ablenken lassen von Männern, die im Paillettenkleid singen und mit einer Regenbogenfrau tanzen, von blauen Rüschenvasen, gefallenen Engeln und Eiscreme, die am Himmel schwebt. Wohin du auch blickst, überall blinzelt dir das Riesenrad vom Frühlingsfest nebenan zu. Und hast du’s nicht gesehen, schon sitzt du in einer Gondel. Es geht gemächlich und dann immer schneller hinauf und wieder herunter, der laue, leicht staubige Sommerwind toupiert dein Haar und Mitreisende erklären dir die Bavaria: Steht rum und sieht gut aus – Bavaria’s Very First Topmodel!

 

Wieder unten holst du dir an einer der Fressbuden eine Stärkung. Nein, du nimmst keinen halben Meter Bratwurst, schließlich schlenderst du an Löwen und Pferden vorbei. König Ludwig rät mit gütigem Blick davon ab, dich hammermäßig durch die Luft schleudern oder an einem fragilen Regenschirm baumelnd aufspannen zu lassen (Denk an das Essen!). Du merkst, wie die Kräfte des Teenager-Sommers dich runterdrücken. Der freche Kerl hat dir noch einen kracherten Sonntag versprochen. Wenn es wieder so heiter wird, ist es besser, sich vorher ein wenig Entspannung zu gönnen. Durch die Gassen schieben sich die Massen, doch du fliehst ins Grün. Und am Montag hat sich das vorwitzige Sommerbürschchen wieder abgekühlt, wirst sehn!

Im letzten Schnee am Staffelsee

Bei uns im Voralpenland ist das ja so: An einem Tag ist noch tiefster Winter, am nächsten nahezu Hochsommer. Als Nachfahrin der berühmten Prinzessin auf der Erbse, die deren Kreislauf geerbt hat, ist das für mich nicht immer einfach. Doch ich raffe mich auf, lasse die wintermüden Knochen knacken und vergesse natürlich die Sonnenbrille, als es auf den ersten größeren Ausflug im Jahr an den Staffelsee bei Murnau geht. Im Blauen Land angekommen, haben wir die Wahl, uns auf den Drachenstich-Rundweg oder auf den Königsweg zu begeben. Als Prinzessinnen wählen wir eine individuelle Tour, die aber schon entlang des zugefrorenen Wassers führt. Beide erinnern wir uns an Zeiten, in denen wir über den See liefen, in einem noch härteren Winter mit tragfähigerer Eisdecke. Nachdem wir Laufschwung aufgenommen haben, bezaubern uns direkt die unfasslichen Landschaftsbilder: tiefanthrazitfarbene sowie weiße und blaue Töne in allen Abstufungen, davor beigefarbenes Schilf mit umbrafarbenen Wedeln. Es wundert mich nicht, dass die Maler der Künstlergruppe Blaue Reiter sich hier haben inspirieren lassen.

 

Als wir uns ein wenig vom Seeufer entfernen, werden wir — während wir fotografieren — von einem Wanderer gefragt, was es denn da zu sehen gäbe. Ich kann nicht umhin, ihm zu antworten: „Die für Bayern so untypische Weite.“ Der Mann stutzt, zuckt dann mit den Schultern und weiß anscheinend nicht wirklich, wovon ich rede. Ich wette, er lebt dort in der Gegend und empfindet diese Aussicht als völlig normal. Ich als Münchnerin hingegen bin komplett begeistert, kein einziges Haus oder irgendein anderes Gebäude zu sehen, soweit mein Auge reicht.
In solchen Momenten vermisse ich das Meer.

 

Manchmal landet ein UFO …

… und bringt Blaubeerkuchen mit! Aber der Reihe nach. Irgendwann im August spazierte ich ein wenig durch München und landete im Kunstareal. Als ich um die Ecke zur Pinakothek der Moderne bog, kurzes Stutzen:

S I E  W A R E N  G E L A N D E T ! ! ! ! ! !

Aber niemand schien in Panik, keine Eilmeldung hatte die Alltagsroutine unterbrochen und die Menschheit aufgemischt. Was auf den ersten Blick wie die fliegende Untertasse außerirdischer Besucher aussah, entpuppte sich als ein futuristisches Design des finnischen Architekten Matti Suuronen von 1968. Der Name des Wunderwerks, klar: Futuro. Ach, hätte ich doch mit damals sechs Jahren 12 000 Dollar gehabt, ein solches Haus hätte ich sicher gekauft und Platz wäre in unserem Schrebergarten schnell geschaffen gewesen. Wochenlang hätten wir “Invasion vom Mars” gespielt … wie ich bei Wikipedia lese stand ein Exemplar immerhin 40 Jahre in Vlotho, also quasi bei meiner Heimatstadt um die Ecke. Der Architekt hatte Futuro für verschiedene Zwecke vorgesehen, als Berg- oder Skihütte in schwierigem Gelände, als Wochenendhaus, Unterrichtsraum oder Arztpraxis. Tatsächlich dient es als Chill-out-Raum für Forscher in der Arktis… cool!

 

Am gestrigen lauschigen Winternachmittag bei ca. 10 Grad plus konnten wir im Rahmen einer Glühweinparty einen Blick ins Innere des Raumschiffs werfen. Im Hintergrund lief finnische Musik und die Kuratorin Dr. Sonja Lechner, eine gebürtige Finnin, hatte Blaubeerkuchen – in größeren Mengen mit in Finnland selbst gesammelten Beeren – gebacken, die wir gerne verputzten. Währenddessen überlegten wir, warum Finnen so gerne Tango tanzen. (Der Filmemacher Aki Kaurismäki hat ja behauptet, der Tango sei in Finnland erfunden worden, was die deutsche Regisseurin Viviane Blumenschein zu dem sehenswerten Film “Mittsommernachtstango” inspirierte.) Dann sprangen wir gedanklich zu einem unvergessenen Konzert auf dem Königsplatz, wo vor etlichen Jahren die finnische Band “Apocalyptica” auftrat und mit ihren Elektro-Celli Klänge erzeugte, die scheinbar die Erde unter unseren Füßen aufriss! So einen Sound hatte ich noch nie zuvor gehört, wo ließ sich solche Musik üben? Ach, Finnland hat viele einsame Landstriche, dachte ich damals. Und dann fiel mir das Buch “Liebten wir” von Nina Blazon ein. Dieser  Roman führt die Leser nach Helsinki (ich war kurz davor ein Flugticket zu kaufen) und in viele bewegende (Familien-)Geschichten. Ich nahm daraus unter anderem einen weiteren Musik-Tipp mit, einen echten Ohrwurm (von Loituma, ideal für Fasching oder wenn man mal im Wohnzimmer so richtig abtanzen will). Ruhiger lässt es Arvo Pärt angehen – und auch hier entsteht gleich das Gefühl, auf einem anderen Stern zu Besuch sein zu dürfen – manche Finnen haben das irgendwie drauf. Jetzt fehlt mir nur noch das Rezept für den schlichten aber überirdischen Blaubeerkuchen …

 

Update 05.04.2018: Inzwischen habe ich esoterische Genanalyse betrieben, wie eine Autorin des “Spiegel” es nannte. In meiner DNA deuten 5,7 Prozent auf eine finnische Abstammung hin – als hätte ich’s geahnt!

Im Spontan- und Jodel-Salon

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Musikalisches Wochenende

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Zum Advent und zur Weihnachtszeit gehört unbedingt Musik. Bereits letztes Wochenende gaben wir uns auf der Rückfahrt von unserer alljährlichen Wahlverwandschafts-Adventsfeier die volle Dröhnung Weihnachtslieder, erst Michael Bublé und dann unsere choreigene Weihnachts-CD von 2008. Da lauter ehemalige Chormitglieder im … Weiterlesen

Gebrannte-Mandeln-Eldorado

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