Wähe mir!

Geht das eigentlich nur mir so? Beim Essen bin ich wettergesteuert. Kaufe ich am Vortag für Salat ein und die Temperaturen sinken über Nacht, werfe ich meinen Essensplan um. Zickt das Wetter und kann sich nicht zwischen sonnig und regnerisch entscheiden, eiere ich quasi in der Küche herum, bis ich herausfinde, was ich denn nun essen will. Aber: Letztens hatte ich die Lösung! Und wer hat’s erfunden? Klar, die Schweizer. (Obwohl die Franzosen und die Engländer da auch was in petto hätten!) Mir war nach Käsewähe, die kann man heiß oder kalt essen. Nachdem ich nicht mehr wusste, in welchem meiner gefühlten 10 000 Kochbücher das Rezept steht, suchte ich Rat bei Betty Bossi: Der Boden für die Wähe, ich war direkt entzückt, sollte ein geriebener Hefeteig werden, eine Art Mürbe-Hefeteig, ziemlich luftig. Praktisch finde ich, dass es in der Schweiz anscheinend eine Käsekuchenmischung gibt. Damit ist aber nicht etwa ein Fertigkuchenmix für süßen Kuchen gemeint, sondern vorgeriebener Käse für Wähen. Bei der Zubereitung begaben sich meine Gedanken auf einen Schweiz-Streifzug: Meine Beziehung zu dem Land begann recht früh, sollte meine Mutter dort doch eigentlich vor meiner Geburt eine Arbeitsstelle antreten. Dann las meine Oma ein Horoskop, in dem Stiere davor gewarnt wurden, ins Ausland zu gehen. Und: Meine Mutter – echt, die Jugend von damals! – blieb in Deutschland, lernte meinen Vater kennen, ich wurde geboren. Als Kind dachte ich gelegentlich, ich hätte eigentlich Schweizerin werden sollen. Dann fiel mir auf, dass ich dann ja nicht ich gewesen wäre – meine erste Existenzkrise oder ein Darübernachhirnen, welche Macht eigentlich der Zufall hat. (Von Horoskopschreibern gar nicht zu reden! Oder Omas!!)

 

Es gab immer wieder schöne Schweizer Momente in meinem Leben: Ich lernte sehr nette Schweizerinnen kennen, eine im damaligen Leningrad, die andere in New York. Letztere besuchte ich mehrmals in Zürich, wo sie mich unter anderem mit Musik der englischen, in Zürich sehr gefeierten Band „And all because the lady loves“ beglückte. Bei zwei Schweizern aus Basel lernte ich singen im Stegreifchor, in Basel besuchte ich das Jean-Tinguely-Museum, in Sankt Gallen war ich nur ein Wochenende, dafür aber fein essen. Apropos Essen: Mittlerweile war der recht weiche Teig für die Wähe geknetet, der Käse frisch und handgerieben, die Eiermilch angerührt. Es kam alles in eine Tarteform, die Wähe konnte in den Ofen geschoben und ein kleiner Salat in einer Schüssel gemischt werden. 30 Minuten später gab es Wähe warm an Salat. Am nächsten Tag, so hoffte ich, würde sie auch kalt schmecken. Das Wetter blieb mürrisch-kalt. Aber das war ja jetzt kein Problem mehr: Ich wärmte die Wähe einfach noch mal im Backofen auf – und lud eine Freundin zum Mitessen ein. Die hat mir dann von ihren Schweizer Momenten erzählt.

Maria, Franz und Elphi

Es begann um die Weihnachtszeit: Meine Freundin sang mit ihrem Chor das „Magnificat” von John Rutter. Später fragte ich mich, was eigentlich dieses Magnificat bedeutete. Bei Wikipedia fand ich eine Erklärung: Es ist eine Art Lobgesang auf Gott durch die schwangere Jungfrau Maria. Benannt ist der Text nach dem ersten Wort des Hymnus, der auf Latein mit „Magnificat anima mea Dominus …“ beginnt, „Meine Seele preist den Herrn …“. In mir triggerte das gleich mal mehrere Vorstellungen: Es könnte ein kluger Schachzug sein, als alleinstehende, schwangere Frau in jener Zeit Gott als Vater des ungeborenen Kindes auszugeben. Und Maria scheint einen aufrührerischen Geist besessen zu haben, benennt sie doch klar die Lebensumstände ihrer Zeit, in der die Reichen und Mächtigen das Sagen haben. Und doch hat Gott sie, eine Niedere, ausgewählt, um seinen Sohn auf die Erde zu bringen. Von da aus hüpften meine Gedanken zu der Vorstellung, ob es nicht Maria gewesen ist, die nach Jesus Tod das Christentum gegründet hat. Aus Trauer hat sie ihn erhöht, aus seinem Leben eine Lehre werden lassen, damit er nie in Vergessenheit gerät. Kurz darauf las ich von „Marias Testament“: An den Hamburger Kammerspielen wurde ein Monolog von Nicole Heesters aufgeführt, der auf dem Buch des irischen Autors Colm Tóibin basiert. Ich las dieses kleine Werk von rund 65 Seiten und fand es so revolutionär, dass ich beschloss mir das Theaterstück in Hamburg anzusehen. Diese Maria war klüger als ich mir je hätte träumen lassen oder vorstellen können.

 

Mitte Mai war es dann so weit, ich trat die Reise gen Norden an. In München regnete es in Strömen, ich hätte um ein Haar den Zug verpasst und wurde von einem mir bis dato unbekannten Taxi-Mitfahrer mit einem Taschenspielertrick um Geld betrogen – fragt nicht! Wetter und Stimmung hellten sich aber mit jedem weiteren Kilometer Richtung Hamburg auf. Glücklich in der Hansestadt gelandet, bezog ich meine schöne Unterkunft, vertilgte ein Franzbrötchen (Franz!) und erkundete bei schönstem Sonnenschein bis spät in den Abend einen Teil der Stadt: Begrüßt wurde ich von einem Regenbogengespinst über der Binnenalster, dem beeindruckenden Rathaus und der Speicherstadt. Architektur können die Hamburger, die Gebäude und ihre Strukturen fallen einfach auf, einige erinnern an Ozeanriesen, nicht nur in der Hafen-City. Rund um die Elbphilharmonie wehte ein vergleichbarer Wind wie um die Münchner Frauenkirche: Werden eigentlich Auswirkungen auf die Luftverhältnisse beim Bauen mit berücksichtigt? Elphi, wie inzwischen nicht nur die Hamburger ihren neuen Konzertsaal nennen, macht echt was her – beeindruckender ist sie nur noch vom Wasser aus. Das konnte ich am nächsten Tag feststellen. Ich war von Altona nach Övelgönne gewandert. Eigentlich wollte ich noch etwas weiter am Elbestrand entlanglaufen. Doch der Wind hatte gedreht: Hamburg kann auch Sandsturm. Statt mit dem Bus zurück zu den Landungsbrücken zu fahren, nahm ich die Fähre: das ging mit meinem Tagesticket! Im Kontorviertel sah ich mir das Chilehaus an. Ich glaube, die Elphi-Architekten haben sich dort Inspiration geholt und modern uminterpretiert. Auf dem Rückweg zur Wohnung kam ich noch am Hamburger Caféhaus „Die Rösterei“ vorbei. Es duftete verführerisch, also ging ich Kaffee trinken. Mir wurde gesagt, ich müsse erst bezahlen und könne dann am Kaffeeausschank aus dem Tagesangebot eine Auswahl treffen. Ich entschied mich für einen kräftigen Kaffee. Der war an jenem Tag aus Kenia. Ich bekam ihn schwarz, fragte nach Milch nach und hörte: „Die gebe ich Ihnen gerne extra, aber ich rate Ihnen, den Kaffee erst einmal pur zu probieren.“ Ich altes Gewohnheitstier hatte schon Zucker in meine Tasse gegeben, rührte also mal nicht um und trank den ersten Schluck: Es war eine Offenbarung! Nie im Leben hätte ich geglaubt, dass Kaffee pur so derartig viele Aromen in sich tragen und, obwohl heiß, geradezu erfrischend sein kann. Von einem solchem Kaffee reicht eine Tasse, nie würde ich auf die Idee kommen, ihn achtlos runterzuspülen wie sonst im Alltag. Etwas später rührte ich zu Testzwecken den Zucker auf und gab noch später Milch hinein – nee, wirklich, das braucht’s beides nicht. Abends fand dann die Aufführung statt, der eigentliche Grund meiner Reise: Die grandiose Nicole Heesters spielte die Maria, eine – wie der Regisseur des Stücks Elmar Goerden sich notiert hatte – „unerhörte Frau“. Sie ließ uns aus ihrer Sicht am Lebensende ihres Sohnes teilnehmen, schilderte in ihren Worten die unerträglichen Szenen der Kreuzigung. Das ist keine duldende Mutter. Das ist eine Mutter, die zusieht, wie ihr Sohn zu Tode gefoltert wird. Die das nicht aushält. Die irgendwann geht. Auch, um ihr eigenes Leben zu retten, die Römer hatten sie schon auf dem Kieker. Sie kann nichts mit den Vorstellungen von den Typen anfangen, mit denen ihr Sohn sich umgeben hat und denen er selbst gefolgt ist. Sie hört sich an wie eine moderne Mutter, die sieht, wie ihr Kind ins Verderben rennt. Sie rauft sich die Haare, als die Freunde – ihr Sohn leidet da noch Höllenqualen – davon reden, es sei alles so vorbestimmt gewesen. Das Opfer des Sohnes würde die Welt verändern, retten. Diese Mutter erkennt glasklar, was es bedeutet, wenn aus einem lebendigen Wesen eine Sache gemacht wird. Letzteres war es, was mich an dem Stück so umgehauen hat: Das Leben, die Lebendigkeit an sich, ist das Kostbare. Es sollte nicht an eine Sache, Ideologie, Vorstellung angepasst werden, etwas was wir aber auch heute noch ständig tun. Leben fließt, verändert sich, alles andere sollte mitfließen dürfen, uns nicht starr in Funktionen festhalten. Eine Zeile in „Marias Testament“ lautet, ich zitiere das jetzt aus dem Kopf, in etwa: „Einmal muss die Wahrheit gesagt werden. Und ich sage sie – weil ich es kann. Ich war dabei!“
Ich bin zurück in Bayern mit seinem Kreuzerlass – dies ist mein Kommentar dazu.