Kirchenvögel

Gestern, beim Spazierengehen, umwehte mich im Tal Weihrauchduft. Ich drehte mich um und sah, das Hauptportal zur Heiliggeistkirche war geöffnet, was eher selten ist. Durch den Spalt glitzerte es mir gülden entgegen, ich folgte dem Lockruf. Jenseits der schön geschmiedeten Gitter flog eine Schar weißer Tauben durch den gesamten Kirchenraum – ein fast surrealer Anblick, wären die Tauben nicht aus Papier gefaltet. Die Installation “Les Colombes” von Michael Pendry gibt es anscheinend bereits seit 2013, so lange war ich also nicht mehr in dieser Kirche.
Solltet ihr in der Stadt sein, schaut euch das Sinnbild für den “Heiligen Geist” und auch den “Kollektiven Geist” an, abends ist das Werk anscheinend sogar beleuchtet. Und aus irgendeinem Grund muss ich an Hans Hartz denken.

Sakrisch guat – zwei bayerische Filme

Zwei Abende, zwei Filme, zweimal Begeisterung: Beide Streifen sind aus Bayern, aber in keiner Weise zu vergleichen. Der eine spielt im Fußballmilieu – weshalb ich ihn mir beinahe nicht angesehen hätte, was ein Fehler gewesen wäre. „Landauer“, erzählt die Geschichte des vergessenen FC Bayern-Präsidenten Kurt Landauer. Unter den Nazis 1938/1939 in Dachau interniert, kann er dank der Hilfe einer Bankiersfamilie in die Schweiz fliehen. Drei Jahre nach Kriegsende kehrt er nach München zurück, es soll nur eine Zwischenstation vor seiner Übersiedlung nach New York sein. Doch Landauer nimmt Kontakt zu seinen alten Vereinskollegen auf, regt zupackend den Wiederaufbau des Grünwalder Stadions an und sorgt – indem er den Amerikanern eine Lizenz abluchst – dafür, dass wieder Fußball gespielt werden kann. Neben den sehr überzeugenden Schauspielern, allen voran Josef Bierbichler, als alter und neuer Präsident des FC Bayern München, und Jeanette Hain (ich bin komplett in ihr aus der Zeit gefallenes Gesicht verliebt), die seine Freundin Maria Baumann spielt, haben mich die Originalaufnahmen vom zerbombten München ziemlich beeindruckt. Und: dass Kurt Landauer ausgerechnet von der anscheinend nicht ganz unumstrittenen Fangruppe „Schickeria“ wiederentdeckt und geehrt wurde. Mitglieder dieser Gruppierung haben im Stadtarchiv Nachforschungen angestellt, um Kurt Landauer und seine Geschichte bekannt zu machen – das finde ich fast so schön wie den Film selbst. 2013 wurde Kurt Landauer posthum zum Ehrenpräsidenten des FC Bayern ernannt – auf einer Website des Bayerischen Rundfunks können sich Interessierte eingehend mit dem Leben Landauers und dem „Making of“ des Films beschäftigen. Eine App führt auf den LandauerWalk.

Der andere Film ist schrill, makaber, derb und zugleich hoch vergnüglich: Zumindest habe ich schon lange nicht mehr so viel gelacht, wie in der Verfilmung von Rita Falks Provinzkrimi „Winterkartoffelknödel“. Das absolute Highlight, neben Sebastian Bezzel als apathisch-anarchischer Franz Eberhofer und, wieder, Jeanette Hain, diesmal als männerverschlingender Vamp Mercedes, ist die Rocky-Horror-Picture-Show-ähnliche Einlage (zu sensationeller Schlagermusik – unbedingt erst im Kino genießen!) in der Dorfkneipe, bei der Installateur Flötzinger mal ein wenig aus sich herausgeht. Rätselhaft bleibt für mich, warum Rita Falks Erstlingswerk nach „Dampfnudelblues“, Band 2 der Niederkaltenkirchen-Chronik, ins Kino kommt. Aber egal, ich habe mich bestens amüsiert und außerdem seit Tagen einen Ohrwurm – dank der Neuen Bayerischen Welle, sozusagen. Und werden aller guten Dinge drei sein? Heute Abend zeigt das Bayerische Fernsehen im Rahmen der Heimatkriminacht „Die reichen Leichen. Ein Starnbergkrimi“, Regisseur: Dominik Graf – ich bin gespannt.

Der Ayinger Bräu Kirta

Meinen alljährlichen Besuch in Aying verband ich diesmal mit dem Bräu Kirta: Den Tipp hatte ich von einem Besucher der Münchner Bierinseln bekommen, als ich erwähnte, ich würde sehr gerne mal die Ayinger Privatbrauerei besichtigen. An diesem Wochenende fand der große KIrchweiTAg (daher Kirta – in anderen Landstrichen auch als Kirmes oder Kerwe bekannt, aber nicht ganz vergleichbar) im und rund um das Gebäude des Bierherstellers statt. Als ich von der S-Bahn aus schon in einer großen Menschentraube zur Brauerei ging, bekam ich bei ihrem Anblick einen Schreck: Die vielen geparkten Autos deuteten auf Besuchermassen hin – ich weiß nicht, warum mein Hirn solche Veranstaltungen partout mit kleiner Rahmen und Gemütlichkeit verbindet. Es war großer Rahmen und ja, doch, für die Menschenmenge erstaunlich, herrschte eine ruhige Feierstimmung. Wer nach dem Ende der Wiesn in München nostalgische Anwandlungen hatte, „oh je, schon vorbei“, konnte hier noch mal schwelgen. Mich zog’s auf den bunten Markt, der Äpfel, Kohl, Kirchweihnudeln, Brot, Schnaps und in der Lagerhalle der Brauerei bunte Kunst- und andere Handwerkserzeugnisse anbot.

Meine Brauereibesichtigung startete ich in der Abfüllhalle. So ein Großbetrieb hat nichts Romantisches an sich: Da stehen Maschinen, die in einem fort arbeiten und dabei recht laut sind. Leere Flaschen werden gereinigt und die Etiketten abgelöst, weshalb es dampfig war und der Fußboden nass. Mein Fotografinnen-Auge hatte jedoch seine helle Freude, am Muster, das die vielen Bierflaschen auf dem Fließband bildeten und vor allem an dem Blau der Kronkorken. Nachdem ich das Abfüllen gesehen hatte, ging ich dann in die Brauerei. Dort bekam ich eine kleine persönliche Führung, wobei natürlich die Erzählungen von meinem Brauereiführer Herrn Sedlmaier wesentlich spannender waren als der Blick auf riesige Edelstahltanks, Rohre und Computerbildschirme. Die Zutaten wie etwa Gerste und Hopfen kauft die Brauerei in der Region, Hopfen aus der Hallertau. Die Gerste wird aushäusig gemalzt – ich glaube, es gibt gar nicht mehr so viele Mälzereien in Bayern. Das Wasser für das Ayinger Bier kommt aus eigenen Tiefbrunnen. Im Brauereiprozess verwendetes Wasser, also nicht das im Bier, wird mithilfe von Bakterien gereinigt und auf den Feldern der Gegend „verregnet“. Das heißt, einen Teil des entnommenen Wassers bekommt die Region zurück. Herr Sedlmaier riet mir, noch von oben einen Blick in die Gärtanks zu werfen, insbesondere in den offenen Weißbierkessel: Ich bekam die wohl größte Schaumkrone der Welt zu Gesicht! In der oberen Etage der Brauerei konnten Biere probiert werden, das Ausschankglas war im Getränkepreis (3 Euro) mit enthalten. Ich entschied mich für „Altbairisch Dunkel“. Und obwohl ich ja eigentlich mehr der Weißbierfraktion angehöre, zieht es mich in letzter Zeit zu diesen malzbetonten Bieren.
Von der Brauerei aus spazierte ich noch nach Aying rein. Ich wollte zu gerne sehen, was aus der Galerie Schmiede geworden ist, in der ich mal ausstellen durfte. Der Galerist, der Inhaber der benachbarten Apotheke, hatte mir im Frühjahr auf eine erneute Anfrage kurz und bündig mitgeteilt: „Die Galerie gibt’s nicht mehr!“ Tatsächlich scheinen die Räume jetzt privat bewohnt zu sein, was interessanterweise den Charakter der Straße verändert hat: Ein Ort, in dem Kunst Platz findet, schafft einladende Offenheit, weckt Neugier und Entdeckerlust – die fehlen jetzt, was ich wirklich bedauerlich finde.
Mein Rückweg zur S-Bahn führte nochmals an der Brauerei vorbei und ich konnte nicht umhin, ein paar Dinge mitzunehmen. Zu Hause gab’s dann aus dem schlanken Keferloher (ein Geschenk zum Biertragerl) ein zweites Bier – Altbairisch Dunkel, was denn sonst!

Kunst in Sendling

Eine meiner größten Freuden ist, die eigene Stadt mit ganz anderen Augen zu betrachten: durch die Straßen zu streifen, mich überraschen zu lassen und zu staunen. Der fremde Blick fällt mir leicht, da ich die meiste Zeit unterirdisch unterwegs bin (U-Bahn-Abo) und ich so manches Viertel gar nicht wirklich kenne. Oder weil mancher Stadtteil sich rasant verändert hat, wenn ich ein Vierteljahr nicht dort war. Gestern ergab sich mal wieder  Gelegenheit zum anders Sehen: Eine Bildhauer-Freundin hatte mich zu einer Vernissage im Rahmen der 11. „Kunst in Sendling“ eingeladen. Danach blieb nicht viel Zeit und Muße, mir auch die Arbeiten der anderen Künstler anzusehen. Das holte ich dann heute nach: in Läden, Büros, Hinterhöfen und sogar Wohnungen dieses Viertels unterhalb des Harras: „100 Künstler. 54 Standorte.“, sagt der über 200-seitige Katalog. Die Bandbreite der Werke ist riesig. Vieles hat mir gut gefallen, etwa die Skulpturen von Christa von Andrian, Objekte aus Büchern von Christine Reinstaedtler, die sinnigerweise in einer Buchhandlung präsentiert werden, die surreal anmutenden Fotos von Andrea Peipe und die zarten Skulpturen aus Draht und Japanpapier von Anni Rieck.

Tatsächlich war es aber auch ein großes Vergnügen, durch Sendling zu wandern: Einblick in sonst verschlossene Werkstätten und Ateliers zu bekommen, neugierig zu werden, auf Kneipen und Cafés dort (das Café KreisLauf wirkte einladend) sowie das anscheinend einst sagenhafte Lokal Centro Español (wie mir gestern vorgeschwärmt wurde). In der Sendlinger Kulturschmiede erfuhr ich, dass ohne eine kleine widerspenstige Bürgerbewegung in den 1970er-Jahren der Stemmerhof nicht mehr existieren würde. Er sollte einer Straße in Verlängerung der Lindwurmstraße gen Westen weichen. Die Häuserfassaden in Sendling tragen zum Teil wunderschöne Ornamente und Guerilla Gardeners haben nicht nur die Straßenränder begrünt. Am besten, ihr geht selbst auf Entdeckungstour: Kunst in Sendling findet auch noch morgen statt, von 14–19 Uhr. Es lohnt sich!

Bei der Heiligen Geistin von Urschalling

Zum großen Erstaunen meiner Eltern war ich als Kind an den großen Fragen interessiert: Woher kommen wir, wohin gehen wir, warum ist alles. Früh lernte ich, dass auch Erwachsenen vieles ein Rätsel bleibt. Vielleicht dachte meine Mutter deshalb, der Kindergottesdienst sei für mich eine gute Idee. Vielleicht wollte sie mich aber am Sonntagmorgen auch nur aus dem Haus haben, denn ich erinnere mich, abwechselnd mit gleicher Begeisterung Kirche und Kino besucht zu haben (was evtl. meine Liebe zum Magischen Realismus erklärt). Ich lernte Gott kennen (weißbärtiger alter Mann), Jesus (ein ganz schön frecher Junge aus einer mir nicht zugänglichen Zeit), Maria (Mutter Gottes – das lasse ich mir heute sehr gerne und sehr langsam auf der Zunge zergehen) und den Heiligen Geist (eine unbegreifliche Flammenzunge, die über mancher Menschen Köpfe schwebt). Religion wurde Teil meines Lebens, ich blieb aber eher immer fragend und forschend. Als 2004 Dan Browns Buch „Sakrileg“ erschien, fand ich es spannend, wie ganz neue Überlegungen die Runde machen können. Viele Menschen pilgerten nach Mailand, um sich das „Letzte Abendmahl“ anzusehen, auf dem womöglich Maria Magdalena neben Jesus sitzt – als seine Ehefrau oder Partnerin. Eine Arbeitskollegin von mir schlug damals vor: „Lasst uns doch mal zusammen zur Heiligen Geistin“ wandern, die sei in einem Kirchlein in der Nähe von Prien zu sehen. Meine Neugier war geweckt, allerdings brauchte ich schlappe zehn Jahre, um mir die Dreieinigkeit mit weiblichem Anteil vor Ort anzusehen.

In Prien geht es vom Bahnhof aus über die Alte Rathausstraße die Prien flussaufwärts, Richtung Elektrizitätswerk Siggenham, das heute ein Technikdenkmal ist. An der Grablmühle (mit Hinweis auf frische Eier) und der Hauskapelle der Müllerfamilie vorbei führt der Weg durch ein Wäldchen, zum letzten Mal über eine Prienbrücke und dann zum Örtchen Hoherting, wobei Apfelbäume, Milchkühe und ein Blick auf die Kampenwand entzücken. Nachdem wir die Schienen der Lokalbahn Prien-Hochaschau gekreuzt haben, sind wir auch schon fast in Urschalling. Instinktiv biegen wir irgendwann links ab und stoßen auf die schöne Mesner Stub’n hinter der sich der schlanke Turm der Jakobskirche erhebt. Die Kirche ist täglich von 9-19 Uhr geöffnet, der Altarraum mit den Fresken aus dem 14. Jh. kann allerdings nur im Rahmen einer Führung besucht werden (60 Euro die Stunde – da sollte es schon ein größeres Grüppchen sein). Durch die Gitterstäbe im Vorraum ist die Bemalung aber auch gut zu sehen. Wir kamen an, als gerade eine Führung zuende ging und wurden ganz wunderbar beschenkt: Die Gruppe sang eine Reihe von Chorälen, die den Raum zum Klingen brachten. Neben dem Dreifaltigkeitsfresko mit der Heiligen Geistin (eine langhaarige, weiblich wirkende Figur zwischen zwei bärtigen Männern, deren Kleidung sich vor der Frau in einem äußerst interessanten Faltenwurf trifft) gibt es auch ein Fresko, das die Hölle darstellt: ein Drache, in dessen Schlund Menschen stehen. Wir ließen unseren Besuch bei Entengröstl und Backhendl in der Mesner Stub’n ausklingen und wanderten talwärts Richtung bayerisches Meer, den Chiemsee. Schon von Weitem blitzte er hier und da zwischen den Bäumen hervor. An seinem Ufer übten wir noch Kini-Sein (ja, Frauen können das auch!), bevor uns der Meridian wieder nach München brachte.


Und wie halte ich es heute mit den großen Fragen? Ein nordamerikanischer Indianerstamm nennt Gott „Wakatonka“, was so viel wie „das große Geheimnis“ bedeutet. Das gefällt mir sehr. Und ich frage nicht mehr warum alles ist, sondern freue mich und staune darüber, dass alles überhaupt ist und ich daran teilhaben darf.

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Südwestlich von München erstreckt sich das Fünfseenland mit Starnberger See, Ammersee, Wörthsee, Pilsensee und Weßlinger See – hier mal von groß bis klein aufgelistet. Neben dem Weßlinger See ist mir der Starnberger See der liebste, dort zieht es mich immer … Weiterlesen

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Im Schlendergang

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Vollkommen bierselig

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Am Freitag fand ich auf SZ-online einen Hinweis auf eine ganz besondere Veranstaltung in München: die Erste Münchner Bierinseln. Bei dieser Veranstaltung sollte an 22 Orten in der Stadt die Craft Beer Szene vorgestellt werden. Ich bin jetzt nicht die … Weiterlesen

Kirchen und Brezn

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Nach einer längeren Auszeit (andere Länder haben auch schöne Berge) und einem erneuten Galerie-Umbau hinter den Kulissen (Dank noch mal an den Retter und Umgestalter) kann ich heute ein weiteres Bespiel in der kleinen Reihe “Kirchen und Brezn” vorstellen. Nachdem … Weiterlesen