Der einzige Weg, eine Bratwurst zu essen

Manche Dinge vermisst man erst, wenn man sie nicht mehr hat. Das wurde mir klar, als ich an meinem neuen Lebensmittelpunkt München partout keine Bratwurstbude fand, von einer anständigen Currywurst ganz zu schweigen (Ich könnte Horrorgeschichten darüber erzählen, was München für Currywurst hält! Ich sage nur Wiener Würstchen mit Ketchup! Ja, ja, ja, gruselt euch, liebe Norddeutsche!). Auch wenn jeder denkt, danke Herbert, Currywurst sei eine Bochumer Spezialität, wissen die Berliner genau, wo sie erfunden wurde. Eine der besten aß ich allerdings einst auf dem Bonner Marktplatz. Aber auch in OWL, kurz für Ostwestfalen-Lippe, ist sie ungeheuer beliebt und auch pur ohne Sauce richtig gut. Unseren familiären Sonntagsspaziergang rund um den Herforder Wall beschlossen wir gerne gegen frühen Abend mit einer Rostbratwurst. Das Tolle an der Grillstation war ihre komplette Schmucklosigkeit: Zwei nüchterne graue Räume, in einem der Meister, der am Rost die Würste brutzelte und in der Fettpfanne die Pommes wendete, der andere mit umlaufendem Bord für das Essen im Stehen. Ein Ausguck vom Grill raus ins Freie, im Nebenraum Verbindungsguck zur Grillerei. Jeder der Appetit hatte trat heran, bestellte, nahm mit oder aß und ging. Kleiner Schnack zwischendurch, nichts Besonderes, aber in seiner gelassenen Selbstverständlichkeit einfach großartig.Und das scheint bis heute so geblieben zu sein: Weiterhin zieht es ganze Familien, Kinder, Rentner, Menschen allein, zu zweit, in Gruppen an die Bratwurstbude und alles, alles ist einfach und einfach gut. Und dann entdeckte ich, was ich komplett vergessen hatte: den abtrennbaren Streifen an der Bratwurstpappe! Einfach abreißen, um die Bratwurst wickeln und daran beim Essen halten. So schlicht, so genial, so umweltfreundlich – nimm DAS Plastikzeitalter. Und ich wage zu behaupten, so schmeckt Bratwurst einfach am besten – sie sollte aber wirklich so kross gebraten sein, dass sie außen schon fast knuspert und einem innen der Fleischsaft, oder ist das Fett?, nur so in den Mund tropft. Warum muss ich jetzt nur an folgenden Autoaufkleber denken: LIP = Leben Im Paradies …

Kleines Zwischengrün

Regen, Sturm, Schnee, Sonne, Hagel, Regen, Regen, Regen, Schnee, Sonne – so in etwa lässt sich die Wetterlage seit dem Jahreswechsel beschreiben. Diese wohl gewollte bunte Mischung der Natur trägt dazu bei, dass sich die Erde wechselgeduscht und bis tief in den Boden hinein geweckt und vitalisiert fühlt. Auf einmal ist sie nicht mehr nur spür-, sondern wird auch mehr und mehr nach außen hin sichtbar: Die Lebenskraft, die sich räkelt und langsam aus dem Winterschlaf erwacht. Und dann: Gib grün! Junge Keime sprießen aus dem Boden, Knospen ballen sich zusammen und machen sich zum Bersten bereit, die Wiesen am Flussufer haben die Nase voll von Schlammbeige und sehnen sich nach ECHTEN Farben. Und wenn es schon mal grünt, werden die Haare, die Kleidung, die Schuhe, die Hüte, die Socken, das Bier gleich grün mitgefärbt. Hä?

Ja genau: München zeigt sein grünes Herz – zumindest, wenn mal wieder St. Patrick’s Day mit einer großen Parade gefeiert wird, die von der Münchner Freiheit über die Leopold- und Ludwigstraße zum Odeonsplatz führt und in einer anschließenden Musiksause dort und auf dem Wittelsbacherplatz endet. Und das alles bei allerschönstem Föhn-Sonnenschein, der so manchen Highlander, der aus Südtirol angereist ist (ja, dort gibt es auch kernig-wilde Hochlandkämpfer), unter seinem Barbarenfell ins Schwitzen bringt. American-Football-Spieler geben sich weiterhin kantig-cool, Rugby-Spieler lassen den eierförmigen Ball durch die Gegend sausen (ein Fruchtbarkeitssymbol inklusive Ritual???). Junge Mädchen und Frauen springen zierlich einen Frühlingshüpfer nach dem anderen und die Zuschauerin fragt sich, warum sie sich selbst eigentlich nicht die ganze Zeit so fortbewegt, es sieht einfach so wunderschön federleicht, lebensfreudig und springinsfeld-heiter aus. 30 000 Menschen sind unterwegs an diesem Tag und alle strahlen Freude, Humor und Friedfertigkeit aus – die Stimmung ist einfach prächtig. Und das kleine Zwischengrün in allen nur erdenklichen Abstufungen erfreut das Gemüt und macht ausgelassen und irgendwie grundlos fröhlich. Man fängt an zu singen und zu tanzen und es fallen einem auch schon mal die tollsten Wortspiele ein – fürs Autokennzeichen beispielsweise. Weiter so, und nächstes Jahr gerne wieder!

 PS: Nach der Parade Sturm, Regen, Schnee … die Natur wechselduscht weiter! Soll ja gesund sein …

Was will das Weib?

An dieser Frage soll sich ja Sigmund Freud 30 Jahre lang ergebnislos abgearbeitet haben. Jetzt frage ich mich: Warum hat er sich überhaupt diese Frage gestellt und wen meinte er mit „Weib“? Seine Mutter? Seine Frau? Seine Tochter? Seine „hysterischen“ Patientinnen? Die Idealfrau im Allgemeinen? Und hatte er schon im Kopf, was ein Weib wollen sollte und war eher an der Frage interessiert, warum sie das, was sie hat, anscheinend nicht will? Hat er die jeweiligen Frauen alle gefragt und 1000 verschiedene Antworten bekommen, was ihn dann noch mehr verwirrte? Oder hat er sie gefragt und KEINE Antworten erhalten? Lange Zeit war es für Frauen wirklich gefährlich, frei heraus zu sagen, was sie wollen und ist es in vielen Teilen der Welt immer noch oder womöglich wieder: Wenn andere die Herrschaft über einen haben, könnte das böse enden. Im glimpflichsten Fall wurden Frauen NUR ihre Ideen oder Erfindungen geklaut oder sie für ihre Eingebungen und Ahnungen lächerlich gemacht – oder aber ins Irrenhaus, ins Gefängnis gesperrt, getötet.

Bei den Recherchen zu meinem neuen Buch „Frauenpower made in Europe“ habe ich mich letztes Jahr mit einer ganzen Reihe von Frauenleben zu unterschiedlichen Zeiten, vom Mittelalter bis in die Jetzt-Zeit beschäftigt. Was alle Frauen wirklich durch die Jahrhunderte hinweg wollen, lässt sich am besten so zusammenfassen: Einfach Menschen mit Ecken und Kanten sein, wie alle anderen ihr Potenzial entfalten, es ungehindert ausdrücken und leben können, also in ihre Kraft kommen. Was ich spannend fand: Aufgrund der vielen Hindernisse, die Frauen zu überwinden hatten und haben, sind sie oftmals ungewöhnliche Wege gegangen, eben weil die „offiziellen“ Pfade ihnen nicht zugänglich waren. Und im Gespräch mit Freundinnen und vielen anderen Frauen habe ich festgestellt, dass sie das immer noch tun, es aber nur selten als eine Stärke ansehen. Doch abseits der Schnellautobahn eigene Spuren zu legen, eröffnet viel Freiheit und regt vielleicht andere Frauen dazu an, sich ebenfalls mehr ins Unbekannte, ins Erfinderische, in die „weibliche Wirklichkeit“ zu wagen – das ist kein Versagen, sondern eine besondere Form des Selbstausdrucks. Was muss dafür geopfert werden? Gefallen wollen oder müssen, lieb sein, männlich geprägte Vorstellungen von Weiblichkeit für die eigenen halten, selbst vor der eigenen Wildheit und Tiefe davonlaufen. Vielleicht ist es an der Zeit, dass Frauen sich selbst fragen, was sie wirklich wollen und darauf ganz unverschämt starke und ehrliche Antworten geben.

Griechischer Joghurt mit Isar-Honig

Letztens ging ich zum allmonatlichen Schweißer-Stammtisch bei „unserem“ Griechen. Wir treffen uns dort seit über 20 Jahren, weil unsere Werkstatt einst um die Ecke lag, das Essen dort sehr gut und die Wirtsleute ausgesprochen sympathisch sind. Wenn wir zahlen, geben sie uns, das hat Tradition, einen Schnaps aus. Seit zwei, drei Jahren dürfen sie das aber nicht mehr, weil ein neues Steuersystem umgehend jedes unberechnete, fehlende Gramm Schnaps dem Finanzamt meldet. So mal die Kurzversion und wie ich diese Bürokratie-mischt-Leben-auf-Geschichte begriffen habe. Für unsere Gastgeber ist das schwer auszuhalten, wohin nun mit ihrer Großzügigkeit? Anfangs versuchten sie es mit Strenge, „Schnaps ist nicht mehr“, sagten sie, eher, um sich selbst daran zu gewöhnen und ins Gewissen zu reden. Ab und zu bekamen wir aus unerfindlichen Gründen doch mal ein Gläschen, dann gab’s wieder ausschließlich alkoholfreie „Geschäftsabschlüsse“. Diesmal servierten sie uns Dessert: cremigen Joghurt mit Honig, Walnüssen, Trauben und dünn aufgeschnittenen Orangenscheiben sowie – weil wir nur ein Trio waren – drei Löffeln. So schlicht, so köstlich, so nett gemeinschaftlich zu essen. Ich frage mich, wie unsere Lieblingsgriechen DAS jetzt abrechnen.

Wie genial ist doch die Kombi aus Vollfettjoghurt (9,4 oder mehr Prozent) und Honig, fiel mir etliche Tage später beim Spaziergang entlang der Isar ein. Evtl. noch ein Hauch Zimt, spann ich weiter. Auf meiner Lieblingsstrecke gehen meine Gedanken immer auf Freiflug. Sie drehen Loopings zwischen dem, was das Auge gerade sieht, erinnern sich an Gelesenes, Erlebtes, Freudiges, Beglückendes, Aufgeschnapptes, Diskutiertes, Durchgekautes, Unverdautes, Unverschämtes. Oft laufe ich so lange, bis ich vergesse oder irgendwelche neuen oder interessanten Ideen hochploppen, das hängt von meiner jeweiligen Tagesform ab. Manchmal denke ich gar nicht, sondern nehme nur wahr. Im Frühjahr freue ich mich an der weichen, matschigen Erde, die aufnahmebereit für die neue Saat ist und auch gerne meine Schuhe vollsabbert. Ich freue mich an der Renaturierung des Flusses, die ihm seine Wildheit zurückgegeben hat, dieses breit ausufernde Sich-Raum-Nehmen, über den Pelikan – äh, Pelikan??? Ja, der hatte wohl Langeweile im nahe gelegenen Zoo und sah sich mal in seiner nächsten Umgebung jenseits des Geheges um. Auch nach Fischen. Bis er von Krähen aufgescheucht und sehr lange gejagt wurde. Und ich vorfreute mich auf die kommende Wildblüte am Ufer der Isar, ein kunterbunter Teppich an ihren Hängen. Und zack!, fand ich mich vor dem kleinen Schaukasten wieder, in dem ein lokaler Imker Isar-Honig anbietet. Das Volksbegehren für Artenvielfalt und griechischen Joghurt im Hinterkopf bediente ich mich: Das Ganze beruht auf Vertrauen – Geld einwerfen und eines von den frei zugänglichen Gläsern mitnehmen. Ich entschied mich für den Sommerhonig, den ich zu Hause umgehend pur probierte. Das war dann mein ganz persönlicher Marcel-Proust-Moment: Ein Löffel Honig und ich war wieder am Fluss, schmeckte die Kühle des Wassers, die kalkigen Steine, die Würze der Pflanzen. Und hatte diesen Satz im Kopf, den ich letztens in einer Folge von Sternstunde Philosophie gehört hatte: „Die Karte ist nicht die Landschaft“. Und erfuhr im Genießen ganz, wahres Erleben hat mit den eigenen Sinnen zu tun, mit bewusster Körperlichkeit und letztlich, überraschenderweise mit Sinnlichkeit, die im Englischen klugerweise auch „animalism“ heißt. Darüber sinne ich jetzt weiter nach, durchaus auch bei einem Schälchen griechischen Joghurt mit Isar-Honig – ja gut, auch Orangen und einem Hauch Zimt.

Alles

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Sauer-macht-lustig-Gulasch

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