Kaiserwetter und Platzkonzert

Nachdem ich im Rahmen der Wiesn schon so allerhand ausprobiert habe – Dirndl tragen, auf Tischen tanzen, Bier trinken (eh klar), Mittagessen in der Ochsenbraterei, Toboggan meistern, Oide Wiesn besuchen, Wiesnflucht begehen – fiel mir dieses Jahr auf, dass mir noch etwas im schönen Oktoberfest-Reigen fehlte: das Platzkonzert der Wiesnwirte am Vormittag des zweiten Wiesnsonntags. Um halb elf stand ich bei allerschönstem Sonnenschein vor der Bavaria in einer bereits erstaunlich großen Menschenmenge. Auch auf dem Weg dorthin strömten die Besucher nur so auf die Festwiese – die Kirche könnte neidisch werden. Auf der großen Treppe vor der bronzenen Riesenstatue hatten sich die Mitglieder der Blaskapelle positioniert, was schon recht beeindruckend wirkte. Da die Veranstaltung vom Bayerischen Fernsehen live übertragen wurde (wenn ihr’s euch anschauen wollt, hier entlang), waren die letzten Proben im Gang. Eine Sängerin stimmte das „Isarmärchen“ an, das ich in der Version von Coconami ja ganz entzückend finde. Diesmal hörte ich vor allem SEHR die Zeile raus:„Und dazu den schönen Gau mit seinen Farben Weiß und Blau, Bayernland, wie bist du einzig schön!“ Dabei fühlte ich mich an die Aussage des derzeitigen bayerischen Obercheckers erinnert, der ja kürzlich sagte, Bayern sei das schönste Land der Welt. Da sieht man mal, dass er einfach keine Ahnung hat – oder wie bescheiden er denkt: Natürlich ist Bayern das schönste Land der Milchstraße, ach, was rede ich, des gesamten Universums!

 

Da stand ich also in einer ansprechend festlichen Umgebung und fragte mich, wann Heimatliebe in eine unangenehme Ausschließlichkeit umkippt. Warum immer nur diese Beschränkung auf DER Einzige, DER Größte, DER Beste – warum geht nicht, sowohl als auch? Die Wiesnwirte haben da, so schien mir, eine recht klare Haltung (o.k., sie sind auch Kaufleute), ich war nahezu erleichtert, als der neue Sprecher der Wiesnwirte ausdrücklich alle Gäste aus München, Deutschland und der ganzen Welt begrüßte. Auch der bunte Luftballon-Schwarm, der ganz zum Schluss zum Klang der Bayern-Hymne über der Bavaria aufstieg war ein nettes Zeichen für Vielfalt. Das bekam ich aber schon nur noch aus der Ferne mit, Marschmusik, so musste ich feststellen, geht mir nicht ins Blut. Ich wanderte stattdessen übers Oktoberfest, fotografierte und nahm Bilder in mich auf, ohne die Menschen abzulichten: die Gruppe Polizisten in blauen Uniformen, alle eifrige in ihre Handys tippend. Die wunderschöne, hochgewachsene Afrikanerin in einem champagnerfarbenen Dirndl mit farblich passenden Mörderhacken dazu, die asiatische Familie, vom kleinsten bis ältesten Familienmitglied in Tracht, der vorwitzige Besucher, der sich auf den Kutschbock schwingen und wahrscheinlich die Brauereipferde zu einer rasanten Ausfahrt anstiften wollte und mit einem kurzen, aber zackigen „Hey!“ zurückgepfiffen wurde. Ich gönnte mir diesmal weder Brathendl noch Schweinshaxen, sondern eine fast ein Meter lange Schaumwaffel – Nervenfutter, vermute ich. Denn offensichtlich hat die Stadt München der NASA einen Auftrag zum Flaggehissen erteilt – auf welchem Planeten auch immer!

Update 4.10.2018: Manchmal glaube ich, ich kann Hellsehen.

Im gelobten Land ist alles anders

Am Anfang stand eine Katastrophe. Eine Riesenkatastrophe: Ein Meteorit stürzte mit 20 km in der Sekunde (!) auf die Erde zu und schlug mit der Wucht von unvorstellbaren 250 000 Hiroshima-Bomben (also: Atombomben) ein. Beim Aufprall entstand ein 4 km tiefer Krater, im Umkreis von 100 km wurde jegliches Leben ausgelöscht. Das Gestein in der Erde wurde von einer Glutwolke in die höhere Atmosphäre getragen und wild durchmischt. Eine Minute später sank der Primärkrater in sich zusammen und die Auswurfmasse lagerte sich auf der Erde ab. Aus der Glutwolke ging ein neues Gestein hervor, der Suevit oder Schwabenstein. Er ist durchsetzt von Glasbomben, die netterweise „Flädle“ genannt werden, auch international! Dieses geologische Drama fand glücklicherweise vor rund 15 Millionen Jahren statt und schuf den Nördlinger Rieskrater. Bis in die 1960er-Jahre glaubten Geologen noch, er sei vulkanisch entstanden, den Suevit hielt man, auch weil er sehr leicht ist, für Material aus dem Erdinneren. Doch dann kam u. a. Mr. Eugene Shoemaker, ein US-Geologe, der für die NASA arbeitete. Er entdeckte sogenannte Hochdruckminerale im Suevit, sie sind ganz typisch für Impaktgesteine, die sowohl auf der Erde, als auch etwa auf dem Mond zu finden sind. Die NASA führte im August 1970 für die Astronauten der Apollo-14- und -17-Missionen ein geologisches Feldtraining im Rieskrater durch, sie lernten dort diese Gesteinsart zu indentifizieren.

 

Diese und viele weitere interessante Geschichten erfuhr ich bei einer Wanderung auf dem Schäferweg durch das Ries. Eine angenehm lebhafte Führerin des Geopark Ries erzählte sie uns am Steinbruch Lindle, und auch, dass im Impaktgestein winzige Diamanten enthalten sind. Am Aussichtspunkt wies sie auf den äußeren und inneren Rand des im Durchmesser 25 km großen Kraters hin, sowie auf die Megablockzone, die von riesigen Felsbrocken bestimmt wird. Das Ries, Schafe halten es baumfrei, hat eine ganz eigene Ausstrahlung: Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich mich an Mallorca oder die Provence erinnert fühlte. Die Ries-Bewohner nennen dieses Fleckchen Erde „das gelobte Land“, weil es dort immer ein bisschen wärmer ist als jenseits des Kraterrands und auf dem im Untergrund so ganz anderen Boden (stark abgegrenzte Gesteinsschichten gibt es hier nicht) prima Spargel und Kartoffeln wachsen. Im Steinbruch Siegling durften wir einen Stein unserer Wahl mitnehmen: Ich entschied mich für etwas an vielen winzigen Stellen Glitzerndes – wahrscheinlich sitze ich jetzt auf einer Zwergen-Diamantmine! Nach so viel Infos gingen wir erst mal im Jagdhaus „Alte Bürg“ was essen: Den Wildschwein-Leberkäs bekam ich mit der Bemerkung „Ah, eine Frau mit Geschmack“ serviert. Er war gut, weniger fettig als herkömmlicher Leberkäs, und sehr, sehr reichlich! Die riesigen Salatportionen, die Mitspeisende bewältigten, sahen auch super appetitlich aus. Nach der Einkehr ging’s zum Himmelreich, wie der Riegelberg genannt wird, zu den Offnethöhlen. Dort fanden Archäologen mehrere Schädel aus einer, womöglich rituellen, Kopfbestattung, die vor ca. 13 000 Jahren stattfand. Auf der letzten Etappe unserer Rundwanderung hatten wir den „Daniel“ immer fest als Ziel im Blick: Der 90 m hohe Nördlinger Kirchturm wurde aus Suevit gebaut und seine Farbe changiert je nach Lichteinfall zwischen dunkel- und hellgrau. Nördlingens Innenstadt ist übrigens kreisrund und lässt sich auf einer begehbaren Stadtmauer umkreisen. Die Altstadt hat einen Durchmesser von 1 km – was ziemlich genau der Größe des Meteorits entspricht, der diese Gegend so geprägt hat. Vielleicht ist das Zufall – oder eine Art mittelalterliches Feng Shui?

 

Wähe mir!

Geht das eigentlich nur mir so? Beim Essen bin ich wettergesteuert. Kaufe ich am Vortag für Salat ein und die Temperaturen sinken über Nacht, werfe ich meinen Essensplan um. Zickt das Wetter und kann sich nicht zwischen sonnig und regnerisch entscheiden, eiere ich quasi in der Küche herum, bis ich herausfinde, was ich denn nun essen will. Aber: Letztens hatte ich die Lösung! Und wer hat’s erfunden? Klar, die Schweizer. (Obwohl die Franzosen und die Engländer da auch was in petto hätten!) Mir war nach Käsewähe, die kann man heiß oder kalt essen. Nachdem ich nicht mehr wusste, in welchem meiner gefühlten 10 000 Kochbücher das Rezept steht, suchte ich Rat bei Betty Bossi: Der Boden für die Wähe, ich war direkt entzückt, sollte ein geriebener Hefeteig werden, eine Art Mürbe-Hefeteig, ziemlich luftig. Praktisch finde ich, dass es in der Schweiz anscheinend eine Käsekuchenmischung gibt. Damit ist aber nicht etwa ein Fertigkuchenmix für süßen Kuchen gemeint, sondern vorgeriebener Käse für Wähen. Bei der Zubereitung begaben sich meine Gedanken auf einen Schweiz-Streifzug: Meine Beziehung zu dem Land begann recht früh, sollte meine Mutter dort doch eigentlich vor meiner Geburt eine Arbeitsstelle antreten. Dann las meine Oma ein Horoskop, in dem Stiere davor gewarnt wurden, ins Ausland zu gehen. Und: Meine Mutter – echt, die Jugend von damals! – blieb in Deutschland, lernte meinen Vater kennen, ich wurde geboren. Als Kind dachte ich gelegentlich, ich hätte eigentlich Schweizerin werden sollen. Dann fiel mir auf, dass ich dann ja nicht ich gewesen wäre – meine erste Existenzkrise oder ein Darübernachhirnen, welche Macht eigentlich der Zufall hat. (Von Horoskopschreibern gar nicht zu reden! Oder Omas!!)

 

Es gab immer wieder schöne Schweizer Momente in meinem Leben: Ich lernte sehr nette Schweizerinnen kennen, eine im damaligen Leningrad, die andere in New York. Letztere besuchte ich mehrmals in Zürich, wo sie mich unter anderem mit Musik der englischen, in Zürich sehr gefeierten Band „And all because the lady loves“ beglückte. Bei zwei Schweizern aus Basel lernte ich singen im Stegreifchor, in Basel besuchte ich das Jean-Tinguely-Museum, in Sankt Gallen war ich nur ein Wochenende, dafür aber fein essen. Apropos Essen: Mittlerweile war der recht weiche Teig für die Wähe geknetet, der Käse frisch und handgerieben, die Eiermilch angerührt. Es kam alles in eine Tarteform, die Wähe konnte in den Ofen geschoben und ein kleiner Salat in einer Schüssel gemischt werden. 30 Minuten später gab es Wähe warm an Salat. Am nächsten Tag, so hoffte ich, würde sie auch kalt schmecken. Das Wetter blieb mürrisch-kalt. Aber das war ja jetzt kein Problem mehr: Ich wärmte die Wähe einfach noch mal im Backofen auf – und lud eine Freundin zum Mitessen ein. Die hat mir dann von ihren Schweizer Momenten erzählt.

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