Kleines Zwischengrün

Regen, Sturm, Schnee, Sonne, Hagel, Regen, Regen, Regen, Schnee, Sonne – so in etwa lässt sich die Wetterlage seit dem Jahreswechsel beschreiben. Diese wohl gewollte bunte Mischung der Natur trägt dazu bei, dass sich die Erde wechselgeduscht und bis tief in den Boden hinein geweckt und vitalisiert fühlt. Auf einmal ist sie nicht mehr nur spür-, sondern wird auch mehr und mehr nach außen hin sichtbar: Die Lebenskraft, die sich räkelt und langsam aus dem Winterschlaf erwacht. Und dann: Gib grün! Junge Keime sprießen aus dem Boden, Knospen ballen sich zusammen und machen sich zum Bersten bereit, die Wiesen am Flussufer haben die Nase voll von Schlammbeige und sehnen sich nach ECHTEN Farben. Und wenn es schon mal grünt, werden die Haare, die Kleidung, die Schuhe, die Hüte, die Socken, das Bier gleich grün mitgefärbt. Hä?

Ja genau: München zeigt sein grünes Herz – zumindest, wenn mal wieder St. Patrick’s Day mit einer großen Parade gefeiert wird, die von der Münchner Freiheit über die Leopold- und Ludwigstraße zum Odeonsplatz führt und in einer anschließenden Musiksause dort und auf dem Wittelsbacherplatz endet. Und das alles bei allerschönstem Föhn-Sonnenschein, der so manchen Highlander, der aus Südtirol angereist ist (ja, dort gibt es auch kernig-wilde Hochlandkämpfer), unter seinem Barbarenfell ins Schwitzen bringt. American-Football-Spieler geben sich weiterhin kantig-cool, Rugby-Spieler lassen den eierförmigen Ball durch die Gegend sausen (ein Fruchtbarkeitssymbol inklusive Ritual???). Junge Mädchen und Frauen springen zierlich einen Frühlingshüpfer nach dem anderen und die Zuschauerin fragt sich, warum sie sich selbst eigentlich nicht die ganze Zeit so fortbewegt, es sieht einfach so wunderschön federleicht, lebensfreudig und springinsfeld-heiter aus. 30 000 Menschen sind unterwegs an diesem Tag und alle strahlen Freude, Humor und Friedfertigkeit aus – die Stimmung ist einfach prächtig. Und das kleine Zwischengrün in allen nur erdenklichen Abstufungen erfreut das Gemüt und macht ausgelassen und irgendwie grundlos fröhlich. Man fängt an zu singen und zu tanzen und es fallen einem auch schon mal die tollsten Wortspiele ein – fürs Autokennzeichen beispielsweise. Weiter so, und nächstes Jahr gerne wieder!

 PS: Nach der Parade Sturm, Regen, Schnee … die Natur wechselduscht weiter! Soll ja gesund sein …

Was will das Weib?

An dieser Frage soll sich ja Sigmund Freud 30 Jahre lang ergebnislos abgearbeitet haben. Jetzt frage ich mich: Warum hat er sich überhaupt diese Frage gestellt und wen meinte er mit „Weib“? Seine Mutter? Seine Frau? Seine Tochter? Seine „hysterischen“ Patientinnen? Die Idealfrau im Allgemeinen? Und hatte er schon im Kopf, was ein Weib wollen sollte und war eher an der Frage interessiert, warum sie das, was sie hat, anscheinend nicht will? Hat er die jeweiligen Frauen alle gefragt und 1000 verschiedene Antworten bekommen, was ihn dann noch mehr verwirrte? Oder hat er sie gefragt und KEINE Antworten erhalten? Lange Zeit war es für Frauen wirklich gefährlich, frei heraus zu sagen, was sie wollen und ist es in vielen Teilen der Welt immer noch oder womöglich wieder: Wenn andere die Herrschaft über einen haben, könnte das böse enden. Im glimpflichsten Fall wurden Frauen NUR ihre Ideen oder Erfindungen geklaut oder sie für ihre Eingebungen und Ahnungen lächerlich gemacht – oder aber ins Irrenhaus, ins Gefängnis gesperrt, getötet.

Bei den Recherchen zu meinem neuen Buch „Frauenpower made in Europe“ habe ich mich letztes Jahr mit einer ganzen Reihe von Frauenleben zu unterschiedlichen Zeiten, vom Mittelalter bis in die Jetzt-Zeit beschäftigt. Was alle Frauen wirklich durch die Jahrhunderte hinweg wollen, lässt sich am besten so zusammenfassen: Einfach Menschen mit Ecken und Kanten sein, wie alle anderen ihr Potenzial entfalten, es ungehindert ausdrücken und leben können, also in ihre Kraft kommen. Was ich spannend fand: Aufgrund der vielen Hindernisse, die Frauen zu überwinden hatten und haben, sind sie oftmals ungewöhnliche Wege gegangen, eben weil die „offiziellen“ Pfade ihnen nicht zugänglich waren. Und im Gespräch mit Freundinnen und vielen anderen Frauen habe ich festgestellt, dass sie das immer noch tun, es aber nur selten als eine Stärke ansehen. Doch abseits der Schnellautobahn eigene Spuren zu legen, eröffnet viel Freiheit und regt vielleicht andere Frauen dazu an, sich ebenfalls mehr ins Unbekannte, ins Erfinderische, in die „weibliche Wirklichkeit“ zu wagen – das ist kein Versagen, sondern eine besondere Form des Selbstausdrucks. Was muss dafür geopfert werden? Gefallen wollen oder müssen, lieb sein, männlich geprägte Vorstellungen von Weiblichkeit für die eigenen halten, selbst vor der eigenen Wildheit und Tiefe davonlaufen. Vielleicht ist es an der Zeit, dass Frauen sich selbst fragen, was sie wirklich wollen und darauf ganz unverschämt starke und ehrliche Antworten geben.

Griechischer Joghurt mit Isar-Honig

Letztens ging ich zum allmonatlichen Schweißer-Stammtisch bei „unserem“ Griechen. Wir treffen uns dort seit über 20 Jahren, weil unsere Werkstatt einst um die Ecke lag, das Essen dort sehr gut und die Wirtsleute ausgesprochen sympathisch sind. Wenn wir zahlen, geben sie uns, das hat Tradition, einen Schnaps aus. Seit zwei, drei Jahren dürfen sie das aber nicht mehr, weil ein neues Steuersystem umgehend jedes unberechnete, fehlende Gramm Schnaps dem Finanzamt meldet. So mal die Kurzversion und wie ich diese Bürokratie-mischt-Leben-auf-Geschichte begriffen habe. Für unsere Gastgeber ist das schwer auszuhalten, wohin nun mit ihrer Großzügigkeit? Anfangs versuchten sie es mit Strenge, „Schnaps ist nicht mehr“, sagten sie, eher, um sich selbst daran zu gewöhnen und ins Gewissen zu reden. Ab und zu bekamen wir aus unerfindlichen Gründen doch mal ein Gläschen, dann gab’s wieder ausschließlich alkoholfreie „Geschäftsabschlüsse“. Diesmal servierten sie uns Dessert: cremigen Joghurt mit Honig, Walnüssen, Trauben und dünn aufgeschnittenen Orangenscheiben sowie – weil wir nur ein Trio waren – drei Löffeln. So schlicht, so köstlich, so nett gemeinschaftlich zu essen. Ich frage mich, wie unsere Lieblingsgriechen DAS jetzt abrechnen.

Wie genial ist doch die Kombi aus Vollfettjoghurt (9,4 oder mehr Prozent) und Honig, fiel mir etliche Tage später beim Spaziergang entlang der Isar ein. Evtl. noch ein Hauch Zimt, spann ich weiter. Auf meiner Lieblingsstrecke gehen meine Gedanken immer auf Freiflug. Sie drehen Loopings zwischen dem, was das Auge gerade sieht, erinnern sich an Gelesenes, Erlebtes, Freudiges, Beglückendes, Aufgeschnapptes, Diskutiertes, Durchgekautes, Unverdautes, Unverschämtes. Oft laufe ich so lange, bis ich vergesse oder irgendwelche neuen oder interessanten Ideen hochploppen, das hängt von meiner jeweiligen Tagesform ab. Manchmal denke ich gar nicht, sondern nehme nur wahr. Im Frühjahr freue ich mich an der weichen, matschigen Erde, die aufnahmebereit für die neue Saat ist und auch gerne meine Schuhe vollsabbert. Ich freue mich an der Renaturierung des Flusses, die ihm seine Wildheit zurückgegeben hat, dieses breit ausufernde Sich-Raum-Nehmen, über den Pelikan – äh, Pelikan??? Ja, der hatte wohl Langeweile im nahe gelegenen Zoo und sah sich mal in seiner nächsten Umgebung jenseits des Geheges um. Auch nach Fischen. Bis er von Krähen aufgescheucht und sehr lange gejagt wurde. Und ich vorfreute mich auf die kommende Wildblüte am Ufer der Isar, ein kunterbunter Teppich an ihren Hängen. Und zack!, fand ich mich vor dem kleinen Schaukasten wieder, in dem ein lokaler Imker Isar-Honig anbietet. Das Volksbegehren für Artenvielfalt und griechischen Joghurt im Hinterkopf bediente ich mich: Das Ganze beruht auf Vertrauen – Geld einwerfen und eines von den frei zugänglichen Gläsern mitnehmen. Ich entschied mich für den Sommerhonig, den ich zu Hause umgehend pur probierte. Das war dann mein ganz persönlicher Marcel-Proust-Moment: Ein Löffel Honig und ich war wieder am Fluss, schmeckte die Kühle des Wassers, die kalkigen Steine, die Würze der Pflanzen. Und hatte diesen Satz im Kopf, den ich letztens in einer Folge von Sternstunde Philosophie gehört hatte: „Die Karte ist nicht die Landschaft“. Und erfuhr im Genießen ganz, wahres Erleben hat mit den eigenen Sinnen zu tun, mit bewusster Körperlichkeit und letztlich, überraschenderweise mit Sinnlichkeit, die im Englischen klugerweise auch „animalism“ heißt. Darüber sinne ich jetzt weiter nach, durchaus auch bei einem Schälchen griechischen Joghurt mit Isar-Honig – ja gut, auch Orangen und einem Hauch Zimt.

Alles

Mit 19 las ich die Kurzgeschichte „Alles“ von Ingeborg Bachmann und war schwer beeindruckt. Darin glaubt ein werdender Vater DIE Lösung für gesellschaftliche Probleme gefunden zu haben: eine völlig andere Sprache muss her. Nur wenn ALLES anders benannt wird, wird auch anders gedacht und damit geschieht Veränderung. Und warum nicht das Neugeborene direkt in dieser neuen Sprache aufziehen? Ein Adam, eine Eva für ein noch nie dagewesenes Zeitalter. Er selbst ist ziemlich begeistert von dieser Idee, seine Freundin oder Frau nicht so. Sie ist sich sicher, ihr Kind würde dadurch zum totalen Außenseiter. Und sie fragt ihren Freund/Mann, wer denn diese neue Sprache erfinden solle? Etwa er? Das findet sie lachhaft, ihn verrückt und geht – für immer. Wieso erinnere ich mich gerade jetzt an diese Geschichte? Wegen der Art, wie manche Meldungen momentan bei mir ankommen: A. Hätte ich zeichnerisches Talent, würde ich die Nachricht über eine Eisbären-Invasion umdrehen und z.B. in einer Karikatur Menschen in der Arktis zeigen, im Hintergrund ein übergroßes Kreuzfahrtschiff, Unterschrift: „Menschen überfallen Eisbärsiedlung.“ B. Am nächsten Tag, noch läuft das Volksbegehren, vorzeitiger Jubel: die 10-Prozent sind mehr als erreicht. Das freut mich zwar, aber … warum diese Hast und vorgezogene Feierstimmung? C. Und danach wird ständig vom „Sieg“ der Bienenschützer geredet. Hallo? In welchem Wettbewerb stehen wir denn? Auch wenn das Bienen-Begehren jetzt von sehr vielen Menschen unterstützt wurde, zeigt es doch erst mal nur: Wir möchten das gehandelt wird, wir machen uns Gedanken, wir wollen in einer gesunden Umwelt leben. Das zu erreichen, braucht noch so ein, zwei, drei … hundert Schritte. Wirklich, ich bin komplett ermüdet von diesen ganzen auf Kurzstrecke angelegten Wettläufen. Runden Tisch, egal von wem angeboten und wann immer nötig, finde ich sinnvoller. Austausch, Vernetzung und das Über-den-Tellerrand-Blicken auch. Damit ich nicht verständnislos vor dem Fernseher sitze und mit ansehen muss, wie Wissenschaftler Insekten zum Zukunfts-Food machen wollen, derweil die Insekten wegsterben. Damit haben sie nicht gerechnet. Unser kleiner Nahrungsnotnagel … dahin! Oder lecker Algen. Auch eine super Idee, wenn die Meere immer stärker verschmutzt sind. Um zurück zu ALLES zu kommen: Vielleicht reicht unser herkömmliches, vertikales und damit sehr zielgerichtetes und analytisches Denken allein nicht mehr aus. Wir brauchen ein Denken, das sehr viel breiter aufgestellt ist und sehr viele Lösungswege mit in Betracht zieht, das erst einmal ein wenig spielen darf ohne sich direkt festlegen zu müssen, um so auf ungewöhnliche Ideen und Ansätze zu kommen, mit Input von ganz vielen und ganz unterschiedlichen Menschen.
Um mal ein Beispiel, wenn auch in ganz anderem Zusammenhang, zu geben: Letztens regte Wildgans auf ihrem Blog dazu an, „Buchtitel, Filmtitel oder sonst einen bekannten Titel durch Änderung eines Buchstabens [zu] verunsinnieren. Beispiel: Der Zauderberg“. Lest doch da mal in den Kommentaren nach, welche möglichen Erzählräume eine solch spielerische Freiheit eröffnen kann, obwohl in diesem Fall nur ein einziger Buchstabe verändert werden darf. ALLES wurde für mich dadurch neu, weil ein winziger Austausch mich in ganz andere Denk- und Möglichkeitswelten brachte. Die natürlich noch belebt werden müssen – da geht der Prozess dann ja weiter. Mal sehen, wohin mich der Titel „Lotto in Weimar“ führt. Wenn ich nicht doch auf ganz große Oper mache: Demnächst auch in Ihrem Theater „Die Zauberflöhe!“ Oder doch lieber Musical mit “My fair Lada”?

Und wenn morgen …

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… wieder mehr Atomwaffen in Europa stationiert werden, so würde ich doch heute das Volksbegehren für Artenvielfalt unterschreiben. So geht Prinzip Hoffnung 2019, denke ich, während ich – als Mensch offensichtlich selbst eine bedrohte Art – vorletzten Samstag auf dem … Weiterlesen

Sauer-macht-lustig-Gulasch

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Silvester musste ich an Ecki denken. (Nein, nicht der aus der Serie „Wilsberg” – apropos: Erst Samstag habe ich sehr über die Dialoge in der neuen Folge gelacht: “Und Sie heißen …” „Overbeck.“ „Sie haben sicher auch einen Vornamen.“ „Kommissar. … Weiterlesen

Frohes Fest!

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All meinen LeserInnen eine schöne Weihnachten und ein paar besinnliche Stunden und Tage unterm Baum oder wo auch immer. Wer über die Feiertage gerne einmal ein wenig Jodeln üben möchte, könnte hiermit anfangen. Eine Stimmlage zum Mitsingen findet sich da … Weiterlesen

Jahresendgesprächsrunden

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Vor längerer Zeit erzählte mir eine Freundin, sie würde von ihrem Chef am Jahresende immer zu einem Rück- und Ausblicksgespräch geladen – wie alle anderen ihrer KollegInnen auch. Da sie in einer Unternehmensberatung arbeitet, kommen dabei immer wieder Floskeln im … Weiterlesen

Stollen und die Göttin der Faulheit

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Wer freiberuflich arbeitet, kennt das: Es tun sich immer wieder unvorhergesehene Leerzeiten auf. Sei es, weil ein Projekt nicht richtig anläuft, sich ein neuer Auftrag erst zusammenballen muss oder weil manchmal die ganze Arbeit einfach wegfällt – vergessen, aufs nächste … Weiterlesen