Im gelobten Land ist alles anders

Am Anfang stand eine Katastrophe. Eine Riesenkatastrophe: Ein Meteorit stürzte mit 20 km in der Sekunde (!) auf die Erde zu und schlug mit der Wucht von unvorstellbaren 250 000 Hiroshima-Bomben (also: Atombomben) ein. Beim Aufprall entstand ein 4 km tiefer Krater, im Umkreis von 100 km wurde jegliches Leben ausgelöscht. Das Gestein in der Erde wurde von einer Glutwolke in die höhere Atmosphäre getragen und wild durchmischt. Eine Minute später sank der Primärkrater in sich zusammen und die Auswurfmasse lagerte sich auf der Erde ab. Aus der Glutwolke ging ein neues Gestein hervor, der Suevit oder Schwabenstein. Er ist durchsetzt von Glasbomben, die netterweise „Flädle“ genannt werden, auch international! Dieses geologische Drama fand glücklicherweise vor rund 15 Millionen Jahren statt und schuf den Nördlinger Rieskrater. Bis in die 1960er-Jahre glaubten Geologen noch, er sei vulkanisch entstanden, den Suevit hielt man, auch weil er sehr leicht ist, für Material aus dem Erdinneren. Doch dann kam u. a. Mr. Eugene Shoemaker, ein US-Geologe, der für die NASA arbeitete. Er entdeckte sogenannte Hochdruckminerale im Suevit, sie sind ganz typisch für Impaktgesteine, die sowohl auf der Erde, als auch etwa auf dem Mond zu finden sind. Die NASA führte im August 1970 für die Astronauten der Apollo-14- und -17-Missionen ein geologisches Feldtraining im Rieskrater durch, sie lernten dort diese Gesteinsart zu indentifizieren.

 

Diese und viele weitere interessante Geschichten erfuhr ich bei einer Wanderung auf dem Schäferweg durch das Ries. Eine angenehm lebhafte Führerin des Geopark Ries erzählte sie uns am Steinbruch Lindle, und auch, dass im Impaktgestein winzige Diamanten enthalten sind. Am Aussichtspunkt wies sie auf den äußeren und inneren Rand des im Durchmesser 25 km großen Kraters hin, sowie auf die Megablockzone, die von riesigen Felsbrocken bestimmt wird. Das Ries, Schafe halten es baumfrei, hat eine ganz eigene Ausstrahlung: Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich mich an Mallorca oder die Provence erinnert fühlte. Die Ries-Bewohner nennen dieses Fleckchen Erde „das gelobte Land“, weil es dort immer ein bisschen wärmer ist als jenseits des Kraterrands und auf dem im Untergrund so ganz anderen Boden (stark abgegrenzte Gesteinsschichten gibt es hier nicht) prima Spargel und Kartoffeln wachsen. Im Steinbruch Siegling durften wir einen Stein unserer Wahl mitnehmen: Ich entschied mich für etwas an vielen winzigen Stellen Glitzerndes – wahrscheinlich sitze ich jetzt auf einer Zwergen-Diamantmine! Nach so viel Infos gingen wir erst mal im Jagdhaus „Alte Bürg“ was essen: Den Wildschwein-Leberkäs bekam ich mit der Bemerkung „Ah, eine Frau mit Geschmack“ serviert. Er war gut, weniger fettig als herkömmlicher Leberkäs, und sehr, sehr reichlich! Die riesigen Salatportionen, die Mitspeisende bewältigten, sahen auch super appetitlich aus. Nach der Einkehr ging’s zum Himmelreich, wie der Riegelberg genannt wird, zu den Offnethöhlen. Dort fanden Archäologen mehrere Schädel aus einer, womöglich rituellen, Kopfbestattung, die vor ca. 13 000 Jahren stattfand. Auf der letzten Etappe unserer Rundwanderung hatten wir den „Daniel“ immer fest als Ziel im Blick: Der 90 m hohe Nördlinger Kirchturm wurde aus Suevit gebaut und seine Farbe changiert je nach Lichteinfall zwischen dunkel- und hellgrau. Nördlingens Innenstadt ist übrigens kreisrund und lässt sich auf einer begehbaren Stadtmauer umkreisen. Die Altstadt hat einen Durchmesser von 1 km – was ziemlich genau der Größe des Meteorits entspricht, der diese Gegend so geprägt hat. Vielleicht ist das Zufall – oder eine Art mittelalterliches Feng Shui?

 

2 Gedanken zu “Im gelobten Land ist alles anders

  1. Der Daniel ist mir zutiefst vertraut, aus Geschichten und Bildern von Nördlingen und einem Besuch in der Kindheit – dort stammt meine Familie mütterlicherseits nämlich her.

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