Der Mond steht im Kohl

Hat der Frost die Erde fest im Griff, zieht es den Norddeutschen – selbst im Exil – nach draußen. Er schnappt sich ein paar Freunde, einen Bollerwagen, zwei große, unterschiedlich farbige Gummikugeln und geht auf Strecke. So jedenfalls macht es meine Freundin I., die aus dem niedersächsischen Ammerland stammt, und lädt fast jedes Jahr zu den traditionellen Kohl-und-Pinkel-Spielen ein. Sie finden im Forstenrieder Park statt, den der Winter heuer gerade rechtzeitig in einen schwarz-weißen Zauberwald verwandelt hatte. Zwei Teams, „de Plietschn“ und die „Rackertüüchs“, traten zunächst zum Boßeln gegeneinander an. Bei diesem boccia-artigen Spiel geht es allerdings darum, auf einer festgelegten Strecke mit den Boßelkugeln das Ziel mit möglichst wenigen Würfen zu erreichen. Eine Mannschaft spielt die rote Boßelkugel, die andere die blaue. Die Kugel wird nah am Boden mit Schwung auf die Bahn gesetzt und soll so weit wie möglich rollen. Auch diesmal ermahnten wir uns gegenseitig, sie möglichst nicht über Kniehöhe zu werfen – um nicht versehentlich Spaziergänger zu treffen! Unser Ziel war, wie immer, eine kleine Holzhütte. Dort gab es Tee mit oder ohne Rum und Krapfen. Wir bestehen darauf, dass sie mit Hagebuttenmarmelade gefüllt und Kristallzucker bestreut sein müssen – und haben einen Bäcker gefunden, der sie in seinem Repertoire hat.

 

Nach der Stärkung haben wir uns noch im Teebeutelweitwurf gemessen: Dabei klemmt man sich das Teeetikett zwischen die Zähne, holt mit dem Kopf Schwung und lässt den Beutel an der Schnur schön baumeln, um ihn dann im rechten Moment loszulassen und in eine ideale Flugbahn zu bringen. Beim anschließenden Sockenweitwurf wurde die mit einem Tennisball beschwerte Socke rückwärts durch die Beine und möglichst weit weg geschleudert – das klingt einfach, ist es aber nicht. Wir mussten schon Socken vom Dach der Holzhütte klauben. Diese Kletterpartie blieb uns aber erspart und wir machten uns auf den Heimweg, vorbei am tiefgefrorenen Krötenteich. In der warmen Stube gab es dann Aquavit, der von Zinnlöffeln getrunken wird. Vor den Genuss hat der Norddeutsche ein Trinkspruch-Ritual gesetzt, das zu zweit zelebriert wird: „Ick seh di! – Dat freit mi! – Ick sop di to! – Dat do! – Prost!“. Dabei sieht man sein Gegenüber an und versucht den Löffel gerade zu halten, den Rechtshänder in die linke und Linkshänder in die rechte Hand nehmen. Dann kam das Essen auf den Tisch: I. hatte frischen Grünkohl gezupft und mit Polnischen und Bremer Pinkel geköchelt. Die Würste bietet übrigens die Metzgerei Clasen im Münchner Rathaus in der Dienerstraße an – sie sind erstklassig! Dazu gab’s ebenso feines Kassler, Jever und ab und zu eine Kieler Sprotte. Nein, das ist nicht der Fisch, sondern ein besonders feiner Aquavit, der über die Kieler Förde und zurück geschippert wird (kleine Anspielung auf Linien-Aquavit, der ja den Äquator überqueren muss).
Zum Abschluss erzählte I. noch folgende Geschichte: Bei einem der ersten Kohl-und-Pinkel-Treffen wollte ein Herr im Wald wissen, was die lustige Truppe da treibt. I. antwortete, sie würden eine norddeutsche Tradition aufleben lassen. Der Herr schaute ein wenig verwundert und fragte dann: „Und deshalb kommen Sie extra nach München?“ Er bekam einen Schnaps.

6 Gedanken zu „Der Mond steht im Kohl

    • Liebe Trolleira, die Wässerchen sind geschmeidig durch den Magen geglitten – bei dem Fett! Nein ernsthaft, so viel wie es aussieht, haben wir gar nicht getrunken, halt ein paar Löffelchen 🙂

  1. Hach, die Krapfen hätte ich gerne gehabt. (Richtig heißen die ja Kreppel!!!!)
    Das mit dem Teebeutelweitwurf hast Du doch erfunden?
    Wir sehen uns bald, nicht vergessen!!!
    Herzliche Grüße,
    Martina

    • Nein, liebe Martina, wir machen das mit den Teebeuteln wirklich wie beschrieben. Solltest du mal zu dieser Zeit in München sein, kommst du mit und probierst es auch, ja?
      Ansonsten ist der nächste Sonntagabend für dich in der Unterfahrt reserviert :-)))

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