Bayern, Uhren, Uhrzeit

Dass in Bayern die Uhren anders gehen, das durfte ich schon zu Studienzeiten in einer alternativ angehauchten Pinte in Bielefeld erfahren. Dort hing hinterm Tresen eine auf bayrisch getrimmte Uhr, auf der die Zeit quasi rückwärts lief. So dachte ich damals jedenfalls. Es waren die 80er-Jahre, wir fanden Bayern unter Franz Josef Strauß einfach indiskutabel konservativ und hinterwäldlerisch. Erst viele Jahre später, als ich in München zum Fotografieren unterwegs war, fiel mir am Isartor eine ähnliche von Petra Perle – einst Wirtin des Turmstüberl – gestiftete Uhr auf. Auch hier läuft die Zeit rückwärts. ABER, und das dämmerte mir erst da, die Zeit wurde weiterhin korrekt angegeben. Denn die Zahlen auf dem Zifferblatt waren gegengleich angebracht. Die vordergründige Rückständigkeit ist gar keine. Ja, Bayern denkt anders als du denkst.
Womit ich ebenfalls seit Jahren zu kämpfen habe, sind Uhrzeitangaben wie zum Beispiel viertel neun oder dreiviertel neun, und das nicht erst, seit ich in Bayern lebe. Meine Oma in der Pfalz konfrontierte mich als Kind schon damit und auch im Russischen, das ich später lernte, wird die Zeit auf diese Art bestimmt. Ich traf dann eine pfiffige Schwäbin, mit der zusammen ich einen Monat auf der Krim studierte. Sie erklärte mir, ich müsse die angebrochene Stunde wie eine Wurst betrachten, die ich in viertel, halb und dreiviertel unterteile. Das leuchtete mir zwar unmittelbar ein und doch muss ich jedesmal neu überlegen: Höre ich „Wir sehen uns um dreiviertel acht“, kriege ich diesen glasigen Blick, weil ich innerlich Wurst aufschneide. Aber erst, wenn ich weiß, für welche Stunde die Wurst eigentlich steht. Verblüffend finde ich, wie problemlos ich halb acht begreife, aber ansonsten stur bei viertel nach sieben und viertel vor acht bleibe … Das muss an meinem ostwestfälischen Dickkopf liegen!

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