Die Geschichte einer Nicht-Erfindung

Wenn man sehr lange in der Kochbuchbranche gearbeitet (oder seit 40 Jahren eine Frauenzeitschrift abonniert) hat, wird klar: auch Essen unterliegt Modewellen. Küchen der Welt gehörten zur ersten Buchreihe, die ich betreuen durfte, teilte mit den AutorInnen die Faszination für damals noch ungewöhnlich erscheinende Gerichte aus ganz Europa und Übersee. Unvergessen: Mein erstes mexikanisches Gericht, eine Suppe mit Avocado und Koriander. Oder auch ein Huhn, das auf französische Art mit Essig gekocht wurde. Leider hatte die Autorin im Rezept eine falsche Mengenangabe zum Essig gemacht – ich musste nach dem Probekochen tagelange meine Wohnung lüften und meinen Nachbarn erklären, dass ich kein Säureattentat auf sie beabsichtigt hatte. Dann kam die Fusion-Küche, Zutaten, die bisher keinen Kontakt hatten, kamen auf den Tellern zu ungewöhnlichen, vielseitigen und auch wirklich schmackhaften Kombinationen zusammen. Dazwischen: alltagstaugliche Rezepte für gestresste Hausfrauen/-männer, StudentInnen allein im Wohnheim, und in der Gesundheitsküche hatten der Ayurveda, vegetarisch Kochen und nach den fünf Elementen ihren großen Auftritt, sowie Grundkochbücher in ganz neuen und pfiffigen Anmutungen und gewitzter Sprache. Sehr viel später wurden die Themen immer kleinteiliger und dank der BloggerInnen-Konkurrenz/Anregungen immer happier, more colourful, trendiger, superfoodiger, lunch-boxiger und soooo urlaubig, auch daheim. Menschen mit den unterschiedlichsten Nahrungsmittelunverträglichkeiten konnten sich nun in Low Carb, No Carb, Paleo, Intervallfasten, Keto, vegan und ich weiß nicht was ausprobieren. Beruflich ein Diät-Buch nach dem anderen zu lesen mit zum Teil einander stark entgegengesetzten Empfehlungen, macht leicht meschugge.
Und dann gibt es Einzeltitel, die entführen zum Beispiel in die süßen Paradiese New Yorker Cafés und zu Hybrid-Leckereien, ich sage nur Cronuts, Mischwesen aus Croissant und Doughnut. Oder sie wollen einem Doughnut Holes mit Jelly servieren, Triple Chocolate Chip Cookies und Double Cream Cupcakes oder gar Ice Cream with Cookie Dough, dem rohen Keks-„Trend-Teig“ wie wir hier gerne sagen. Da kann frau, während sie ihr morgendliches Porridge anrührt und gedanklich noch bei den Rezpttexten ist, schon mal überspönig werden (also eine Art seltsamen geistig-kulinarischen Höhenflug hinlegen) und sich einbilden: „Porridge is not enough“. Ich wollte das Müslidge erfinden. Und zwar im Handumdrehen: Anstatt zu den feinen Haferflocken, die ich in ein wenig gesalzenem Wasser zum Brei koche, griff ich einfach zur Früchte-Müslipackung. Und stellte nach etwa 30 Minuten rühren fest: Das wird nichts! Haferflocken für Müsli sind eben doch ein wenig kerniger und lassen sich kaum zerkochen – vielleicht doch, wenn ich ein paar weitere Stunden investiert hätte. Am nächsten Tag konnte ich zumindest ein Double Oats Porridge with Banana Mash und Cranberrys auf den Tisch bringen: Porridge auf Bananenbreibett, ein Löffelchen Knusper-Hafer und ein paar Beerenfrüchte. Um dann festzustellen, das ist alles nicht meins und mein Normalo-Porridge ist für mich mehr als enough. Aber zumindest habe ich ein neues und hier erstmals veröffentlichtes Wort kreiert: Müslidge – klingt gut, oder?

Gern gelesen? Dann lassts doch ein Diridari da.

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