Vom Aussterben bedrohte Pralinen-Art

Die nächste Station auf meiner kulinarischen Erinnerungsspur in die Vergangenheit heißt: Luxus pur! Zumindest war das für mich als Kind eine Leckerei, die es nur in ganz seltenen Fällen gab: Meraner Nüsse. Dabei ist gar nichts Besonderes an diesen Pralinen. Sie bestehen aus drei Zutaten: Marzipan, Walnüssen und Zucker, wobei Marzipan natürlich aus Mandeln, Rosenwasser und Zucker geknetet ist. Sie wurden in verschiedenen Packungsgrößen angeboten, wobei meine Eltern sich meist sechs Stück davon leisteten – was schon bedeutete, sie schlugen komplett über die Stränge. Jede einzelne Meraner Nuss war von daher so wertvoll wie ein Diamant, aber einer, den man essen konnte. Mich begeisterte immer die hauchfeine Zuckerglasur, die gleichzeitig etwas Papiernes hatte. Die Geschmackskombination fand ich umwerfend und das ist bis heute so geblieben, da spielt sicher auch jede Menge Nostalgie mit. So eine Praline katapultiert mich direkt auf die Eingangsstufe, auf der ich als Kind gerne vor dem Wohnhaus saß und mir ansah, wer so vorbeizog: Nachbarn, Fremde, andere Kinder sowie Missionare, die an Kinder im Fastlesealter Heftchen mit Bibelgeschichten aus dem Alten Testament verteilten – sie waren so spannend wie Märchen (ich sag nur Daniel in der Löwengrube, Joseph und seine Brüder, Ägypten, Sieben Plagen). Meraner Nüsse stehen für mich aber auch dafür, trotz wenig Geld im Elternhaus keinen Mangel gelitten zu haben. Es gab immer auch besondere Momente, die vieles überstrahlten.

Meraner Nüsse sind nach wie vor rar. Es ist ein großes Glück für mich, wenn ich sie irgendwo entdecke. Ich habe auch meine Freunde und Freundinnen damit angesteckt, die Augen nach ihnen offen zu halten. Und so geschah es immer mal wieder, dass ich ein kleines Paket von irgendwoher bekam, weil jemand sie in einer Confiserie aufgestöbert und an mich gedacht hatte – was mich gelegentlich zu Tränen rührte. Wenn es eine Rote Liste für aussterbendes Konfekt gäbe, stünden Meraner Nüsse mit Sicherheit drauf. In einem alten Backbuch las ich schließlich von „Gefüllten Walnüssen“ und hielt unverhofft eine Anleitung zum Selbermachen von Meraner Nüssen in der Hand. Und auch die „Brigitte“ hat vor Jahren ein Rezept in ihr Weihnachtssonderheftchen aufgenommen. Die Zubereitung ist denkbar einfach:
200 g Marzipan (gekauft oder selbst gemacht) in ca. 15 möglichst gleich große Stücke schneiden, zu Kugeln drehen. Jede Kugel zwischen je 2 Walnusshälften betten, fest andrücken. 125 g Zucker mit 60 ml Wasser aufkochen und 5 Minuten sprudelnd kochen lassen. Die Walnuss-Marzipan-Kugeln in die Zuckerlösung tauchen, am besten auf ein Kuchengitter oder zur Not auf Backpapier setzen, trocknen lassen – fertig! Möglichst luftdicht verpacken, sonst wird die Zuckerhülle klebrig, was dem Geschmack aber keinen Abbruch tut. Meraner Nüsse sind sehr gehaltvoll, was Kalorien betrifft – und für mich an Erinnerungen.
Habt Ihr auch kulinarische Erinnerungen von früher, denen Ihr gerne nachhängt?

5 Gedanken zu „Vom Aussterben bedrohte Pralinen-Art

  1. Das erinnert mich ja fast an Proust. Es ist tatsächlich so, dass irgendwelche Köstlichkeiten aus der Kindheit uns auch heute noch erfreuen – wenn man ihrer denn habhaft wird. Bei mir war es der ‘Kalte Hund’, dieser mächtige Schokoladen-Palmin-Kekskuchen, der Erinnerungen an die Kindheit und an Geburtstage wach ruft.
    Herzliche Grüße nach Bayern,
    Franka

  2. Mhm die sehen ja nachmachbar aus! Walnüsse habe ich jede Menge. Ich mag deine Geschichten aus der Kindheit gern; so ähnlich, genügsam aber immer mehr als genug, war meine Kindheit auch. Bei uns gab es in Grafing eine Frau, die in den 50er Jahre irgendwie eine Quelle für massenhaft Schokolade hatte, und zu der gingen wir vielleicht einmal die Woche mit meiner Mutter, und dort durften wir eine Tafel Schokolade kaufen. Sie hatte ein Hinterzimmer voller Regale, alle voll mit Schokolade. Das erschien mir wie das Paradies.

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