Reiberdatschi-Tage

Nein, ich stelle hier keinen neuen Krimi im Stil von Rita Falk vor, sondern tauche abermals in meine kulinarischen Erinnerungen ein. Die wunderbare kleine Stadt in der ich geboren wurde, ist ja für einiges bekannt (jedenfalls unter Eingeweihten): für kluge, starke Frauen, als Rastplatz für Jakobspilger und eine der ältesten Marienerscheinungen nördlich der Alpen, die Vision. So hieß auch die Kirmes (also der Jahrmarkt), die im Frühsommer immer stattfand und meinen Geburtsort zum beliebten Wohnort für viele Schausteller machte. Es war gar nichts Besonderes, dass – zumindest in der Grundschule – immer mal wieder Kinder in den Unterricht aufgenommen wurden, die nur einen Monat blieben und dann mit ihren Eltern weiterzogen. Jeder Halbstarke, der davon träumte, die weite Welt zu sehen, überlegte sicher mal, ob das Schild „Junger Mann zum Mitreisen gesucht“ nicht direkt an ihn adressiert sein könnte. Mein späterer Vater verliebte sich dareinst in ein Mädchen vom Kartoffelpuffer-Stand. Auch wenn die Verbindung, er war ja noch ein Teenager, nicht hielt, das Reiberdatschi-Rezept (wir Ostwestfalen sagen einfach „Pfannkuchen“) kam in unsere Familie. Und es war eigentlich immer mein Vater, der Kartoffelpuffer briet, und da er nur selten kochte, waren Reiberdatschi-Tage das kulinarische Highlight daheim – wenn auch nicht ohne Pikanterie (Papa, Ex-Freundin, was denkt Mutter? Und warum verträgt sie die Pfannkuchen nie???).

Da ich ihm über die Schulter geguckt habe, kenne ich das Geheimnis der ultimativen Kartoffelpuffer: Das A und O sind beste und zwar mehligkochende Kartoffeln und sie müssen in reichlich heißem Fett gebraten werden. 1 kg Kartoffeln wird fein gerieben, sodass eine fast apfelmusartige Masse entsteht. Darunter wird erst ein Ei und, wenn das gut untergezogen wurde, 1 EL Mehl gegeben. Eine Zwiebel fein schneiden, unterheben, alles gut salzen und nach Belieben pfeffern. Dann in einer Pfanne reichlich Öl erhitzen, ich nehme immer Distelöl, und dann je 1 EL von der Kartoffelpuffermasse ins heiße Fett setzen und dünn ausstreichen. Meist franst der Kartoffelpufferrand dabei aus – das soll so! Verfärben sich diese „Fransen“ bräunlich, die Kartoffelpuffer wenden. Schon mal einen Teller mit Küchenpapier auslegen, damit ein Großteil des Fetts aufgesaugt wird (das hat mein Vater nie gemacht, aber um die Fettmenge zu reduzieren, ist es sinnvoll). Die Pfannkuchen sofort servieren – wer an der Pfanne steht und brät, isst immer direkt nebenbei. Wer lieber in trauter Runde gemeinsam am Tisch essen möchte, kann die Puffer auch im Ofen bei 100 °C  warm halten. Ich persönlich esse die ersten fünf bis sechs Kartoffelplätzchen am liebsten pur, um den Gegensatz zwischen dem knusprigen Rand und der noch leicht sämigen Mitte voll auszukosten. Danach darf Apfelmus mitspielen.
Mein Vater gönnte sich nach der Brataktion immer einen Pfannkuchen auf einem Stück Graubrot mit Rübenkraut bestrichen. Das mit dem Brot geht mir dann doch zu weit, aber das Rübenkraut-Finish wollte ich endlich austesten. Und: Ja, doch, es könnte sein, dass ich – zumindest in dieser Hinsicht – ganz und gar die Tochter meines Vaters bin.

7 Gedanken zu „Reiberdatschi-Tage

  1. Ach, so einen Vater hätte ich auch gerne gehabt! Und das mit dem fein reiben, das ist es! Meine werden immer eher röstimässig.
    Außerdem: du kommst ja aus einer richtigen Hansestadt?!?

    • Ja, das Feinreiben ist überhaupt DER Trick. Wenn ich mal Reiberdatschi fremdesse, ist es immer dieses Raspelige, das mir dann nicht gefällt, mal abgesehen von der Muskatnussnote, die gelegentlich auftaucht.
      Das mit der Hansestadt, war während meiner Aufwachszeit in Herford eigentlich nicht bekannt, das ist erst später wieder “aufgewärmt” worden.

  2. Wir Kölner meinen immer, nur hier gäbe es die ‘Rievkooche’ – wie sie genannt werden, Reibekuchen, aber ich denke, es gibt sie überall unter den unterschiedlichsten Namen. Ich reibe sie auch immer fein, allerdings mit der Küchenmaschine. Und zum Unverständnis mancher Mitesser esse ich die auch mit Rübenkraut (und Schwarzbrot und Apfelkompott).
    LG aus Köln,
    Franka

    • Liebe Franka, mit der Küchenmaschine sparst du dir sicher viel Muskelkraft und schonst zugleich die Fingerspitzen.
      Nee, dass der Kölner auch Rübenkraut zu “sin Rievkooche” nimmt, hätte ich jetzt nicht gewusst 🙂
      Herzliche Grüße zurück, Petra

  3. Hi Preißndirndl, ich habe übrigens jetzt von Rosa (Schnuppensuppe) insiderinfo über das Kolonial: es ist eine Schwester vom Barista in der Schulstraße. Sieh echt nett aus. vielleicht klappt’s mal mit uns. LGilse

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