Die Allgegenwärtige

Was dem Kölner der Dom, ist dem Münchner die Frauenkirche. Die Kölnerin Franka hat meine Aufmerksamkeit auf dieses allgegenwärtige Bauwerk in meiner Stadt gelenkt. Es ist eigentlich ständig irgendwo zu sehen, wenn man in München unterwegs ist oder nach München hereinfährt. Hier ein paar Eckdaten: Die spätgotische Hallenkirche wurde 1468–1488 von Jörg von Halsbach, genannt Ganghofer, errichtet. Bis 1488 war sie – ein schlichter dreischiffiger Backsteinbau, in dem 20 000 Menschen Platz finden – im Wesentlichen fertiggestellt. Ihre auffälligen Welschen Hauben erhielten die Türme erst 1525. In ihrer Höhe unterscheiden sich die Türme nur ganz leicht: Der Nordturm misst 98,57 m, der Südturm, der bestiegen werden kann, 98,45 m. Die Krypta der Frauenkirche ist die älteste Grablege der Wittelsbacher. Sie beruht auf der Fürstengruft eines Vorgängerbaus von 1240: Dort fand Kaiser Ludwig IV. der Bayer 1347 seine letzte Ruhestätte. Die beiden Türme der Frauenkirche werden manchmal respektlos als Salz- und Pfefferstreuer bezeichnet. Eine Münchnerin erzählte mir, sie würden auch Blasi und Stasi genannt. Weiß irgendwer von euch, warum? Ich nicht. In den letzten Tagen habe ich ein paar wirklich interessante Ausblicke auf die Frauenkirche erhascht, ein paar stammen auch aus dem Archiv. Ich glaube, am meisten mag ich die Frauenkirche von der Donnersbergerbrücke aus oder wenn sich ihre Türme plötzlich und unvermutet zwischen andere Bauwerke „schieben“. Am überraschendsten war für mich, dass sie sogar von der Garmischer Autobahn zu sehen sind.

Die Frauenkirche hat auch die Traditionalisten auf den Plan gerufen: Mit einem Bürgerbegehren im November 2004, angestrengt vom Alt-Bürgermeister Georg Kronawitter, wurde entschieden, dass in München vorerst keine Häuser mehr gebaut werden, die höher als die Frauenkirche (rund 99 m) sind. Fragt sich jetzt, was „vorerst“ bedeutet. Interessant auch, dass sich eigentlich nur rund 22 Prozent der Bürger an der Abstimmung beteiligten und 50,8 Prozent für ihren Ausgang verantwortlich waren.
Ich weiß ja nicht, wie viele Kirchen es gibt, in denen der Teufel seine Spuren hinterlassen hat: In der Eingangshalle der Münchner Frauenkirche ist sein schwarzer Fußabdruck mit Sporn an der Ferse erhalten geblieben. Die Legende sagt, er habe dem Ganghofer beim Bau des Gotteshauses unter die Arme gegriffen, sonst wäre es nicht rechtzeitig fertig geworden. Klar wollte er die übliche Gegenleistung: Die Seele des ersten Menschen, der durchs Kirchenportal kam. Doch der gewitzte Ganghofer beschuldigte den Teufel, er habe schlechte Arbeit geleistet, da die Kirche komplett fensterlos sei. Tatsächlich sind sie vom Portal aus hinter den Säulen nicht zu sehen. Vor lauter Wut stampfte der Teufel auf und kreist seitdem als Wind um die Kirche. Geht hin und testet es selbst, euch werden die Haare zerzaust werden.
Übrigens ist es gar nicht so einfach, die Kirche uneingerüstet aufs Foto zu bannen. Ist ein Gerüst abgebaut, wächst direkt daneben das nächste.

6 Gedanken zu „Die Allgegenwärtige

  1. Das hast du aber gut dokumentiert, dass sie von überall her sichtbar ist. Tatsächlich. So gehört es sich auch, dass ‘die Kirche noch im Dorf’ ist, auch wenn das Dorf inzwischen eine große Stadt ist. Aber so ein Mittelpunkt, auf den sich alles fokussiert, das tut jeder Stadt gut.
    Als wir das letzte Mal da waren, war sie teilweise verhüllt. Nun scheint sie aber fertig zu sein?
    Herzliche Grüße aus Köln, Franka

    • Du wirst lachen: Gerade war der eine Turm fertig und die Kirche eine geschätzte Woche gerüstfrei. Doch nun geht’s am anderen Turm weiter. So eine Kirche macht halt immer Arbeit – ist ja beim Kölner oder auch Regensburger Dom nicht anders.

  2. Ja – von der Garmischer Autobahn, das ist toll – glei samma dahoam!
    Ich denke immer an zwei Weißwürste wenn ich die sehe. Aber das ist wohl keine Überraschung.
    Schee!

  3. Das mit der Sicht von der Garmischer Autobahn ist übrigens kein Zufall – dort war früher die Auffahrt zum Schloss Forstenried mit gewollter Blickachse auf die Türme. Die Welschen Hauben sind aber ein Zufall – eigentlich war eine gotische Spitze als Abschluss vorgesehen, aber aus Geldmangel wurden als Provisorium ‘erstmal’ die Hauben aufgesetzt.

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