„Einfach so da sein …“

… sagt sie, „das würde ich jedem empfehlen.“ Und im nächsten Moment weist sie mich auf die Autos hin, die auf ihren Flugbahnen am Himmel entlang ziehen. Während ich sie korrigiere, frage ich mich, warum ich partout darauf beharre, in einer Welt zu leben, in der nur Flugzeuge dort oben Kondensstreifen hinterlassen. Gerade ist mein Leben weder Culinaria (obwohl sie mich sofort als Köchin einstellen würde) noch Bavaria (ach, Bayern!). Stattdessen lerne ich, was ich für wichtig halte und was wesentlich ist. Essen, schlafen, waschen (sich und die Kleidung), wohnen, ausgiebig mit dem Kater kuscheln, ein Sinn für Schönheit, Humor und Ordnung – jedenfalls ist das bei ihr so. Ein paar Dinge machen mich rasend, etwa wenn etwas, was ich brauche, nicht mehr dort zu finden ist, wo ich es hingetan habe, weil sie dafür einen besseren Platz gefunden hat, der mir aber unbekannt ist. Und während die Wut aufgrund einer Art Hilflosigkeit in mir aufsteigt, erinnere ich mich an eine Beschreibung von Arno Gruen in einem seiner Bücher: Er berichtet von einem Psychiater, der einem Patienten seinen Kugelschreiber ausleiht. Der behält ihn. Und behält ihn. Und behält ihn. Der Arzt flippt nahezu komplett aus – und plötzlich steht die Frage im Raum, was eigentlich „verrückt“ ist – und wer … „Der pfadlose Weg“ ist das nächste Stichwort in meinem Kopf und mir wird zum ersten Mal klar, welche Kunst das ist, jeden Augenblick neu anzunehmen, und muss lachen. Vielleicht sind Menschen mit Demenz ja doch eher Zen-Meister, die einen auszuhebeln verstehen. Zumindest fällt viel von ihnen ab, was über den Verstand läuft und es kommt das Wesen(tliche) zum Vorschein, eine Art Grundtonus, den der Kopf wohl nicht zugelassen hat oder zulassen durfte. In manchen Situationen ist das nahezu bezaubernd. Es gibt aber auch Momente der Verzweiflung, es ist ein bisschen so, wie bei einem Kind, das anfängt, die Welt für sich zu begreifen und immer mehr kann, nur umgekehrt: Dinge lassen zu lernen, weil sie nicht mehr funktionieren, oder sie über die eigenen Kräfte hinausgehen, die Welt mehr und mehr loszulassen, wodurch sie wieder etwas Wundersames, ja Staunenswertes zu bekommen scheint. Der Körper kennt die Richtung, der eigene starke Wille, gestählt durch jahrzehntelange Gewohnheit und zermürbenden Überlebenskampf, nicht. (Man könnte darüber nachdenken, ob unsere Leistungsgesellschaft nicht ein Erbe der Kriegskindergeneration ist, und ob dieses verbissene Festhalten daran uns noch taugt.) Da kann es zu Überforderungen kommen. In solchen Momenten bediene ich mich der Erkenntnisse von Maria Montessori: Alles machen lassen was geht (bei ihr: kleine Kinder können in ihrem Maße austesten, was SCHON geht, bei mir: ältere Menschen probieren lassen, was NOCH geht) aufmerksam begleiten und bei Gefahr einschreiten. Und selbst kapieren, dass jemand sich womöglich falsch einschätzt, und ihn/sie in ihrem anders Sein/Werden akzeptieren. Diese Situation ist anstrengend in ihrer ständigen, nicht vorhersehbaren Veränderung und doch auch sehr reich. Wir finden neue Rituale, andere Wege des Zusammenseins, die ich mir nie hätte träumen lassen. Sie war immer meine härteste Sparrings-Partnerin in dem Fach „Wachsen am Widerstand“, und zugleich ein Ausbund an Fantasie und Kreativität, mit einer unfassbaren Lust an Gestaltung. Verrückte Ideen? Sollte frau ausprobieren!
Letztens, bei Kaffee und Kuchen, sagt sie auf die Frage, wie es ihr denn gerade geht: „Einigermaßen besonders gut.“
Das fand ich einigermaßen besonders schön.

Der einzige Weg, eine Bratwurst zu essen

Manche Dinge vermisst man erst, wenn man sie nicht mehr hat. Das wurde mir klar, als ich an meinem neuen Lebensmittelpunkt München partout keine Bratwurstbude fand, von einer anständigen Currywurst ganz zu schweigen (Ich könnte Horrorgeschichten darüber erzählen, was München für Currywurst hält! Ich sage nur Wiener Würstchen mit Ketchup! Ja, ja, ja, gruselt euch, liebe Norddeutsche!). Auch wenn jeder denkt, danke Herbert, Currywurst sei eine Bochumer Spezialität, wissen die Berliner genau, wo sie erfunden wurde. Eine der besten aß ich allerdings einst auf dem Bonner Marktplatz. Aber auch in OWL, kurz für Ostwestfalen-Lippe, ist sie ungeheuer beliebt und auch pur ohne Sauce richtig gut. Unseren familiären Sonntagsspaziergang rund um den Herforder Wall beschlossen wir gerne gegen frühen Abend mit einer Rostbratwurst. Das Tolle an der Grillstation war ihre komplette Schmucklosigkeit: Zwei nüchterne graue Räume, in einem der Meister, der am Rost die Würste brutzelte und in der Fettpfanne die Pommes wendete, der andere mit umlaufendem Bord für das Essen im Stehen. Ein Ausguck vom Grill raus ins Freie, im Nebenraum Verbindungsguck zur Grillerei. Jeder der Appetit hatte trat heran, bestellte, nahm mit oder aß und ging. Kleiner Schnack zwischendurch, nichts Besonderes, aber in seiner gelassenen Selbstverständlichkeit einfach großartig.Und das scheint bis heute so geblieben zu sein: Weiterhin zieht es ganze Familien, Kinder, Rentner, Menschen allein, zu zweit, in Gruppen an die Bratwurstbude und alles, alles ist einfach und einfach gut. Und dann entdeckte ich, was ich komplett vergessen hatte: den abtrennbaren Streifen an der Bratwurstpappe! Einfach abreißen, um die Bratwurst wickeln und daran beim Essen halten. So schlicht, so genial, so umweltfreundlich – nimm DAS Plastikzeitalter. Und ich wage zu behaupten, so schmeckt Bratwurst einfach am besten – sie sollte aber wirklich so kross gebraten sein, dass sie außen schon fast knuspert und einem innen der Fleischsaft, oder ist das Fett?, nur so in den Mund tropft. Warum muss ich jetzt nur an folgenden Autoaufkleber denken: LIP = Leben Im Paradies …

Sauer-macht-lustig-Gulasch

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Silvester musste ich an Ecki denken. (Nein, nicht der aus der Serie „Wilsberg” – apropos: Erst Samstag habe ich sehr über die Dialoge in der neuen Folge gelacht: “Und Sie heißen …” „Overbeck.“ „Sie haben sicher auch einen Vornamen.“ „Kommissar. … Weiterlesen

Maria, Franz und Elphi

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Es begann um die Weihnachtszeit: Meine Freundin sang mit ihrem Chor das „Magnificat” von John Rutter. Später fragte ich mich, was eigentlich dieses Magnificat bedeutete. Bei Wikipedia fand ich eine Erklärung: Es ist eine Art Lobgesang auf Gott durch die … Weiterlesen

Wiesn-Flucht – ein Versuch

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Geplant war das nicht. Es fiel mir erst im Fernbus Richtung Bodensee auf. Dort erzählte jemand einer Touristin aus Malaysia, er verlasse München jedesmal, sobald das Oktoberfest steige. Ach ja, dachte ich, eine der drei Möglichkeiten mit dem Wiesn-Wahnsinn umzugehen: … Weiterlesen

Auszeitepisode: Morgenmuffelheilmittel

Es gibt ein Land, in dem es sich die Menschen zur Aufgabe gemacht haben, Glück zu verbreiten, wo und wie sie nur können. Irgendwie wissen sie, dass genug für alle davon da ist und besitzen die Gabe, es aus ihrem Herzen zu schöpfen und weiterzureichen. In diesem Land schlappte ich vom Zeltplatz in die benachbarte Bar am Strand, um mir ein anständiges Frühstück mit reichlich Koffein zu besorgen. “For your husband?”, fragte die bezaubernde und für die Uhrzeit schon sehr energiegeladene Dame hinter der Theke. “No”, antwortete ich. “Per lei?”, forschte sie weiter. “Si”, einsilbte ich. Und erinnerte mich noch, “per la via” hinterherzugrummeln. Daraufhin richtete sie mir ein Tablett her, das mir nicht nur da und dort die Morgenmuffeligkeit austrieb, sondern mich bei jeder Erinnerung daran, zum Strahlen bringt: Glück kann so einfach sein.

Notizen aus dem Winterschlaf

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Ist das noch Winterträgheit oder bereits Frühlingsmüdigkeit? Oder einfach akuter Sonnenlichtentzug? So zäh hat meiner Erinnerung nach noch kein Jahr begonnen. Die inneren Freude-Reserven schwinden langsam dahin. Zum Glück haben wir einen kleinen Ausflug in den Norden gemacht, an den … Weiterlesen